Andrea Berauer-KnorrerAls zweifach Betroffene kennt Andrea die MS gleich aus unterschiedlichen Perspektiven. Im Interview erzählt sie uns ihre persönliche Geschichte, wie sie zufällig zu Yoga gefunden hat und warum es ihr heute dabei hilft, mit der MS gut umzugehen.

Andrea’s positives Vorbild

Die gebürtige Tirolerin kam bereits ganz früh in Kontakt mit MS. Denn ihre Mutter erhielt schon in jungen Jahren die Diagnose. So ist Andrea von klein auf quasi mit der MS aufgewachsen. Auch wenn das nicht immer einfach war: „Meine Mama ist ein unglaublich positiver Mensch, der sich nie unterkriegen ließ. Sie hat wirklich ein glückliches Leben geführt und tut das immer noch. Daher hatte ich ein tolles Vorbild und konnte 2006 mit meiner eigenen Diagnose leichter umgehen. Das war mein Vorteil gegenüber vielen, die noch nie Berührungspunkte hatten“, weiß Andrea.

Jetzt erst recht

Als sie 2006 die Diagnose MS bekam, fiel sie daher nicht wie viele Betroffene in ein Loch, sondern nahm es, im Nachhinein betrachtet, vielleicht zu locker. Nach dem Motto „so und jetzt erst recht!“ hatte die Diagnose MS sie angefeuert, noch mehr zu tun. Andrea begann nun sogar berufsbegleitend das Masterstudium, wofür sie regelmäßig eine längere Anfahrt mit dem Zug auf sich nehmen musste.

Wie Yoga in ihr Leben kam

Auf dem Polterabend einer Freundin kam dann 2010 Yoga ganz zufällig in Andrea’s Leben. Zu einer Zeit, als sie trotz ihrer Diagnose noch nach dem Prinzip „höher, schneller, weiter…“ lebte, am Triathlon teilnahm und die Karriereleiter nach oben kletterte.

„Mit Yoga hatte ich damals echt gar nichts am Hut. Ich habe es so in die Schublade ‘langweilig oder Eso-Ecke’ gesteckt, aber klar – für eine Freundin macht man natürlich mit. Und dieses Wochenende war dann wirklich ‘game changing’ “, sagt Andrea heute.

Sie feierten zusammen in Tirol auf einer Alm und neben den Sachen, die man auf einem Polterabend so macht, praktizierten sie auch Körperbewegungen aus dem Yoga – sogenannte Asanas, meditierten gemeinsam, sangen Mantren und praktizierten Achtsamkeit. Und irgendwie hatte Yoga alle in den Bann gezogen. Andrea fühlte sich wie ein neuer Mensch und fand eine neue Ruhe und Gelassenheit. Das war für sie der ausschlaggebende Punkt, Yoga regelmäßig ins Leben zu integrieren.

Andrea suchte sich einen Yoga-Kurs mit Schwerpunkt Meditation. „Es hat mir wahnsinnig gutgetan damals, auch im Job. Ich hatte gerade meine Masterarbeit abgegeben und stand wirklich unter Strom – immer irgendwie auf Anschlag. Da habe ich gemerkt: Wow – das hilft mir, um meinen Stress abzufangen.”

Die Perfektionismus-Falle keine Zeit für Yoga

Als Andrea dann schwanger wurde, machte sie noch vorbereitendes Schwangerschaftsyoga und weiterhin Yoga bis ihr Sohn ins Krabbelalter kam. Nach einem Jahr Karenzzeit kehrte die junge Mutter teilzeit in ihren Beruf im Personalmanagement eines Großkonzerns zurück. Dann passierte der Klassiker: „Ich wollte alles perfekt machen. Ich wollte eine perfekte Mama sein, perfekte Ehefrau, Hausfrau, aber auch zeigen, dass ich karrieretechnisch noch vorne mit dabei bin. Und das war einfach zu viel. Genau zu der Zeit habe ich Yoga-Pause gemacht, obwohl ich es wahrscheinlich da am allermeisten gebraucht hätte. 2013 ging es dann los mit einem nicht diagnostizierten Burnout. Der Druck kam gar nicht von der Arbeit oder von meinem Mann, der gesagt hätte, dass der Haushalt nicht läuft. Im Gegenteil. Den Druck habe ich mir immer selbst gemacht. Und mein Körper hat mir dann im Juni 2014 zu verstehen gegeben, so geht’s nicht weiter!”

Doch nicht nur easy peasy

Mit der MS wirklich auseinandergesetzt hat sich Andrea erstmals bei diesem heftigen Schub 2014. Von jetzt auf gleich konnte sie nicht mehr gehen und fiel drei Monate aus. Da wurde ihr bewusst: „Ich glaube, da sollte ich doch mal ein bisschen genauer hinschauen und bei Symptomen quasi nicht nur mal schnell ein Pflaster drüberkleben, sondern überlegen, wie ich proaktiv was tun kann, um den Verlauf und die Symptome zu mildern.“

Andrea ist überzeugt, dass der Stress und der Druck, den sie sich selbst gemacht hatte, maßgeblich an dem starken Schub beteiligt waren. Im Nachhinein weiß man es immer besser, dennoch meint Andrea, dass sie wahrscheinlich alles nochmal genauso machen würde – einfach weil es sie dahin gebracht hat, wo sie heute ist. Und im Moment fühlt sie sich wirklich angekommen und reich beschenkt.

Während ihres starken Schubes erinnerte sich Andrea wieder, wie gut ihr Yoga tat. Sie wollte es daher erneut mehr in ihr Leben einladen und startete eine zweijährige Yogalehrer Ausbildung. Anfangs nur für sich selbst, um die Philosophie dahinter besser zu verstehen und tiefer einzutauchen – doch schon zu diesem Zeitpunkt war sie so begeistert von dem, was sie dort für ihr Leben mitnehmen konnte, dass der Wunsch entstand, das irgendwann nach draußen zu tragen und zu unterrichten.

Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach’ Limonade daraus

Als ihr Arbeitgeber knapp zwei Drittel der MitarbeiterInnen abbaute, darunter auch Andrea’s Stelle, erkannte sie die Chance, die ihr quasi auf dem Silbertablett serviert wurde und beschloss den Weg in die Selbständigkeit zu gehen. Zusätzlich absolvierte Andrea eine Coaching-Ausbildung: „Denn durchs Yoga stellt man manchmal eine Verbindung zu sich her und merkt dann oft erst, dass es da noch irgendwas in einem gibt, das man sich vielleicht noch ein bisschen näher anschauen möchte. Deshalb und vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen aus der Personalentwicklung wollte ich Yoga und Coaching gerne verbinden.“ Seit 2019 ist sie nun, offiziell und sehr erfolgreich, mit www.yogacraft.de als selbständige Yogalehrerin und Coach tätig – beides aus Leidenschaft.

Mehr über die Yoga-Richtung, die Andrea praktiziert, sowie Yoga-Tipps für den Alltag erwarten Sie in Teil 2 des Artikels.

M-AT-00002040| Titelbild: © nakedcm/Adobe Stock, Portrait Interviewpartnerin Andrea Berauer-Knörrer: © FrauHerz

Login