Berufliche Neuorientierung mit MS – eine Betroffene erzählt

von | 10. Januar 2022 | Alltag & Beruf

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Die meisten haben im Laufe ihres Berufslebens viele unterschiedliche Erfahrungen gemacht und wissen, dass es nicht immer einfach ist, den richtigen Job und den passenden Arbeitgeber zu finden. Nach der Diagnose einer chronischen Krankheit können ganz neue Herausforderungen am Arbeitsplatz auf einen zukommen. Hier erzählt eine Betroffene ganz offen, wie sie persönlich ihre berufliche Situation nach der Diagnose MS erlebt und schlussendlich einen tollen Job gefunden hat, der zu ihr und der MS passt.

Schirin G. schildert als junge Frau mit MS ihre Erfahrungen, um anderen Betroffenen Mut zu machen und um bei ArbeitgeberInnen mehr Bewusstsein für diese Thematik zu schaffen. Wollen Sie mehr über Schirins Geschichte mit der MS erfahren? Im Interview gibt sie interessante Einblicke: Schirins Weg mit der MS – die Diagnose.

Verständnis? – Fehlanzeige!

Als Schirin die Diagnose bekam, war sie Vollzeit bei einem Steuerberater angestellt. Dieser zeigte jedoch wenig Verständnis für ihre Beschwerden: Das ging so weit, dass er ihr nicht einmal erlaubte, wegen Lähmungserscheinungen ihres Beins während der Arbeitszeit zum Neurologen zu gehen, der leider keine anderen Termine frei hatte. So konnte sie erst nach etwa zwei Monaten, als es dann wirklich akut war und Schirin das Bein nicht mehr bewegen konnte, zum Arzt gehen. Nach der Diagnose ging es ihr durch den Schock mental so schlecht, dass sie erst mal in eine Depression gefallen ist.

„Schließlich wurde ich von meinem Arbeitgeber auch noch entlassen – mit der Begründung, dass junge Menschen an so einer Krankheit nicht erkranken können. Er hat mir einfach nicht geglaubt“, erzählt Schirin. Es war ein riesen Theater, er hat mich einfach entlassen und mir nichts mehr bezahlt. Beim AMS konnte ich mich nicht melden. Es wäre fast zu einem Rechtsstreit gekommen. Dieser ganze zusätzliche mentale Stress hat bei mir viele Schübe gefördert, sodass es mir seelisch und körperlich lange schlecht gegangen ist.“ erinnert sie sich.

Inwieweit man verpflichtet ist, den Arbeitgeber über die MS zu informieren, lesen Sie in diesem Artikel.

Aufstehen und Krone richten

In dieser Zeit dachte Schirin viel über ihr bisheriges Leben nach, beschäftigte sich mit sich selbst und ihren Wünschen. Am vermeintlichen Tiefpunkt angekommen, mobilisierte sie neue Kräfte und dachte sich: „Ok, ich hab nichts zu verlieren – ich mache jetzt das, was ich immer schon machen wollte.“

Schirin investierte ihr ganzes Erspartes in die Ausbildung als Make-up-Artist  und nahm eine lange tägliche Anfahrt sowie lange Kurstage in Kauf, um sich ihren Traum zu verwirklichen. Das Erfolgserlebnis, dass sie das alles trotz der MS schaffen kann, hat ihr neues Selbstbewusstsein gegeben. Sie bekam den nötigen Antrieb, ihr Leben in eine andere Richtung zu lenken. Schirin lernte ihren heutigen Partner kennen, der mit dazu beigetragen hat, dass sie konsequent einen gesünderen Lebensstil verfolgte. Damals noch sehr übergewichtig begann die junge Frau ihre Ernährung umzustellen, sich mehr zu bewegen und abzunehmen. 

Prioritäten setzen

Den richtigen Arbeitsplatz zu finden, gestaltete sich dennoch erstmal nicht so einfach. In den Vorstellungsterminen lief alles bestens, solange Schirin in ihrer offenen Art über ihre Ausbildung und ihre berufliche Erfahrung erzählte. Sobald sie jedoch ihre MS-Erkrankung ansprach und dass sie gewisse Arzttermine einhalten müsse, war das Gespräch immer sehr schnell vorbei, erzählt sie. So musste sie häufiger ihren Job wechseln, ist schließlich bei einem Versicherungsmakler gelandet und in ein Burnout gerutscht. Das hat sie zum Umdenken bewegt. Hatte Schirin bisher immer recht gut bezahlte Jobs, erkannte sie jetzt, dass ihr die Gesundheit wichtiger war als das Geld und war nun bereit, zu Gunsten ihrer Gesundheit finanzielle Abstriche in Kauf zu nehmen. Tipps zum Thema Arbeitspensum reduzieren aus rechtlicher Sicht erfahren sie im Artikel: Arbeitspensum auf dem Prüfstand.

Endlich! Rücksichtnahme am Arbeitsplatz

Ich kam in den Verwaltungsbereich einer geschützten Werkstätte und bin intern recht schnell ins Marketing aufgestiegen. Dort bin ich heute noch im Social Media Marketing tätig. Ich betreibe auch unseren Online-Shop, in dem wir Getreidemühlen, Bio-Artikel und verpackungsfreie Produkte verkaufen”, erzählt Schirin. Sie betreut außerdem Workshops rund ums Thema Backen und Korn. Die Tatsache, dass Schirin jetzt in einer geschützten Werkstätte arbeitet, ist ein großer Pluspunkt für sie. Hier nimmt man wirklich sehr viel Rücksicht auf ihre Krankheit. Ihr Arbeitsplatz liegt ganz in der Nähe ihrer Wohnung und an Tagen, an denen es Schirin sehr schlecht geht, ist auch Home-Office problemlos möglich. Jetzt ist sie auch beruflich angekommen und hat es wirklich gut erwischt.

Schirins Fazit

Die MS anzunehmen und neue Prioritäten zu setzen, hat ihr bei der Bewältigung der MS am meisten geholfen, schildert die junge Frau von ihren Erfahrungen. Schirin hat sich beruflich nichts gefallen lassen und trotz aller Schwierigkeiten weiter gesucht. Letztendlich hat sie das Glück, einen Job gefunden zu haben, der ihr wirklich Spaß macht und wo auch auf ihre Bedürfnisse Rücksicht genommen wird. Die Freude an der Arbeit, die Ernährungsumstellung, Sport sowie Meditation helfen ihr im Alltag und bei der Bewältigung der MS ungemein. Und natürlich die Unterstützung von ihrem privaten Umfeld. Ich lebe mit meinem Partner zusammen und mir geht’s gut an ganz ganz vielen Tagen”, erzählt Schirin.

Zahlreiche Empfehlungen zum Thema MS in der Arbeitswelt finden Sie in unserem Interview mit Herrn Mag. Holzinger (Teil 1). Im zweiten Teil gab uns der Experte Tipps zum Umgang mit MS im Arbeitsalltag.

M-AT-00001760 | Titelbild: © nenetus/Adobe Stock

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