Bewegung und MS: So gelingt die Selbstmotivation

von | 4. Mai 2020 | Bewegung

Den inneren Schweinehund zu überwinden ist wohl für die Wenigsten ein leichtes Unterfangen. Für Menschen mit chronischen Erkrankungen, wie Multipler Sklerose (MS), kann es besonders schwierig sein, auf Dauer in Bewegung zu bleiben. Studien zeigen jedoch, wie wichtig körperliche Aktivität bei MS ist. Die Überwindung zahlt sich also aus!

In Bewegung bleiben – leichter gesagt als getan! Vor allem wenn es durch die Einschränkungen, die mit MS einhergehen können, immer schwieriger wird, Herr seines eigenen Körpers zu bleiben. Dass sich die Überwindung aber in jedem Fall auszahlt – und das ganz unabhängig von dem Bewegungsniveau – bestätigt auch Robert Krabacher von der „Multiple Sklerose Gesellschaft Tirol“ und selbst MS-Betroffener: „Am Anfang ist das natürlich schlimm, plötzlich so eingeschränkt zu sein. Vor allem wenn man vorher sportlich gut unterwegs war. Es kann niederschmetternd sein, wenn man merkt, dass man keinen Schritt machen kann, ohne zu stürzen. Nach einer Diagnose mit MS lernt man seinen Körper ganz neu kennen – auf eine schwierige Art und Weise. Das ist ein ständiges Lernen. Schwierig, aber machbar!“.

Bewegung und MS: So wichtig es, aktiv zu bleiben

Wie wichtig regelmäßige Bewegung bei MS ist, weiß auch OA Dr. Ehling, Facharzt für Neurologie am Rehazentrum Münster. „Früher war man der Meinung, PatientInnen sollen sich möglichst wenig bewegen, weil zu viel Bewegung einen Schub oder sogar eine Verschlechterung der Erkrankung bewirken kann (…) Mittlerweile weiß man – und das ist auch durch viele Daten hinreichend belegt – dass regelmäßige körperliche Aktivität gut für die Erkrankung ist: Entzündungshemmende Faktoren können ausgeschüttet werden und beeinflussen den Krankheitsverlauf per se positiv”, so Ehling, der bereits das sechste Jahr am Reha-Zentrum Münster im Bereich der Multiplen Sklerose tätig ist. 

Hierbei ist es besonders wichtig, dass Betroffene regelmäßig mit dem behandelnden Arzt oder der behandelnden Ärztin, bzw. den Physiotherapeuten abklären, was sie machen wollen, können und dürfen. Der Bewegungsrhythmus muss an die individuellen Möglichkeiten angepasst werden. Aber man kann sich durchaus auch trauen, seine Leistung zu steigern, weiß Herr Krabacher: „Durch Ängste, dass es nicht so klappt wie man will, vergräbt man sich! Das darf nicht passieren. Man muss es zumindest probieren!“, erklärt er und meint weiters: „Alles was man macht, muss als Physiotherapie gesehen werden. Mein Drehschwindel wurde durch Bewegung besser, meine Schmerzen wurden gelindert. Und dann kommt noch das Glücksgefühl, dass man etwas geleistet hat, hinzu. Man muss nur anfangen“.

Da dieses „Anfangen“ aber nicht immer leicht ist, haben wir 5 hilfreiche Tipps zusammengefasst, mit denen die Selbstüberwindung hoffentlich etwas einfacher gelingt. 

1. Den eigenen Schweinehund austricksen

Das eigene Gehirn austricksen? Das funktioniert! Anstatt lange hin und her zu überlegen, ob Sie jetzt dreißig Minuten Sport machen wollen oder nicht, einigen Sie sich mit Ihrem inneren Schweinehund stattdessen einfach auf zehn Minuten. Wenig Bewegung ist besser als keine Bewegung und wenn man erst mal im Bewegungs-Flow ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man dann doch noch weiter macht, tendenziell höher.

2. Gemeinsam ist alles einfacher

„Sehr hilfreich ist es auch, mit einer nahestehenden Person zu vereinbaren, dass man sich verlässlich an die regelmäßige körperliche Betätigung erinnert und sich gegenseitig motiviert“, erklärt Psychologin Dr. Karin Kaiser-Rottensteiner. „Dinge, die Überwindung kosten – wie z. B. Fasten, aber eben auch Sport – sind in der Gruppe, bzw. zu zweit, viel einfacher zu bewältigen“.

3. Belohnungssysteme aktivieren

Es kann auch hilfreich sein, die körperliche Betätigung mit einer Belohnung zu verbinden. Ob es ein sonniges Bänkchen im Wald ist, das beim Spaziergang auf einen wartet, eine feine Mahlzeit, mit der man sich nach dem Sport belohnt oder einfach die bewusste Erinnerung an das gute Gefühl, das sich nach der körperlichen Betätigung einstellt – das eigene Belohnungssystem zu aktivieren, kann helfen sich leichter zur Bewegung zu motivieren.

4. Sinnhaftigkeit vor Augen führen

Um die Überwindung zur Bewegung zu erleichtern, kann es auch helfen, wenn man sich immer wieder die positiven Effekte von körperlicher Aktivität auf den Körper und die MS-Beschwerden vor Augen führt. „Ob Drehschwindel oder Fatigue – alles hat sich gebessert durch Bewegung (…) Und wenn es nur wenige Meter sind, die man zum Beispiel mit dem Rad schafft. Wichtig ist, dass man den eigenen Körper wieder spürt, dass man wieder der Chef seines Körpers sein kann“, erklärt Marlene Schmid, Obmannstellvertreterin & Patientenbeirat der Tiroler MS-Gesellschaft und selbst Betroffene.

5. Realistisch bleiben!

Kaum etwas ist demotivierender als unrealistische Ziele. Wenn man schon in Gedanken an das Vorhaben scheitert, ist das kein guter Anfang. Umgekehrt kann es enormen Auftrieb geben, wenn man mehr schafft, als man sich zugetraut hat. Ein gutes Mittelmaß ist also wichtig – Überforderung sollte man aber prinzipiell vermeiden. „Von den 100 Prozent, die man sich in der Euphorie vornimmt, ist man auch mit 50 Prozent Umsetzung schon ein Gewinner. Hauptsache, man tut etwas!“, meint auch Dr. Kaiser-Rottensteiner.

Bei Erkrankungen wie MS gilt es also, sich in Bezug auf Bewegung an seinen individuellen Möglichkeiten zu orientieren und auf die Signale seines Körpers zu hören. Dabei sollte man aber auch im Hinterkopf behalten, dass oft mehr möglich ist, als man sich anfangs zutraut. Das sieht auch Frau Schmid so: „Man bekommt natürlich nicht mehr das Leben vor der Diagnose zurück. Aber: Auch mit MS ist das Leben lebenswert und vieles möglich“.

 

M-AT-00000068 | Titelbild: © contrastwerkstatt/Adobe Stock

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