Brechen wir das Tabu – reden wir über Blasenschwäche

von | 6. Dezember 2021 | Erkrankung & Therapie

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Blasenschwäche ist ein Problem, das meist mit fortgeschrittenem Alter assoziiert wird. Was viele nicht wissen: Gerade bei MS kann es auch bei jungen Menschen häufig zu Problemen mit der Blase kommen. Hier erzählt eine Betroffene ganz offen, wie sie das im Alltag erlebt.

Schirin leidet wegen ihrer MS bereits in jungen Jahren an einer sehr ausgeprägten Blasenschwäche. Sie spricht mit uns über ihre persönlichen Erfahrungen, um anderen Betroffenen die Scham zu nehmen und in der Öffentlichkeit ein neues Bewusstsein dafür zu schaffen. Blasenstörungen zählen zu den sogenannten Hidden MS-Symptomen, also Symptomen, die von außen weniger sichtbar sind. Mehr darüber erfahren Sie im Artikel „Hidden MS im Fokus“.

Raus aus dem Schneckenhaus

Besonders kurz nach der Diagnose fiel es Schirin schwer, ihrem Körper zu vertrauen. Wenn man immer wieder Sorge hat, dass die Blase auslaufen könnte, ist es manchmal eine Überwindung, rauszugehen – da muss man aufpassen, dass man sich nicht komplett zurückzieht, um diese Situation zu vermeiden, erzählt Schirin.

Es kam öfter vor, dass ihre Blase bei einem Spaziergang mit ihrem Partner einfach ausgelassen hat – ohne Vorwarnung! „Das ist generell eine peinliche Situation – für einen jungen Menschen noch viel mehr.“, weiß Schirin. Vor allem weil man ihr die Krankheit auf den ersten Blick nicht ansieht. Ihr Partner versucht sie in der Situation immer zu beruhigen und geht trotzdem weiter neben ihr. Die Art wie selbstverständlich er damit umgeht, bewundert Schirin.

Planung ist das halbe Leben

Heute weiß Schirin: ­„Wenn ich merke, ich muss aufs Klo, dann muss das wirklich in dem Moment passieren, weil sonst kann es einfach sein, dass die Blase es nicht hält.“ Besonders beim Spazierengehen im Winter kommt es, vielleicht durch den kalten Wind, öfter vor, dass die Blase auslässt, schildert Schirin. Sie versucht daher immer, Spaziergänge im Wald zu machen, um jederzeit schnell im Gebüsch die Blase entleeren zu können.

­„Aufgrund der Unvorhersehbarkeit der Blasenschwäche habe ich schon manchmal Hemmungen im Winter rauszugehen“, gibt Schirin zu. Doch sie arbeitet mit eisernem Willen daran, ihre Sorgen zu überwinden und bemüht sich dennoch, jeden Tag körperlich aktiv zu sein.

Es hat Schirin geholfen, sich an die Situation anzupassen, sie anzunehmen und alles besser zu planen. Egal ob Spaziergang oder Städtetrip, der erste Gedanke ist immer – wo sind bei Bedarf die nächsten Toiletten? Ihr Partner sieht diese Situationen sehr entspannt und setzt sich mit Schirin, wenn sie dringend muss, einfach in das nächste Cafe, sodass sie dort aufs WC gehen kann.

Die Angstspirale durchbrechen

Mittlerweile hat Schirin gelernt, ihrem Körper wieder mehr zu vertrauen und sich nicht zu viele Gedanken zu machen. Denn sie weiß aus Erfahrung: Es hilft nichts, sich 100 Szenarien auszumalen, was alles passieren könnte. So verbringt man sein ganzes Leben in Sorge, das gilt genauso für gesunde Menschen. „Wenn ich der Angst zu viel Raum gebe, entsteht ein Teufelskreis, der vom Kopf ausgeht. Die negativen Gedanken setzen meinen Körper dann so unter Druck, dass dann wirklich etwas passiert.“

Schirin versucht heute, aufkommende negative Gedanken zu entkräften und eine positive Sicht einzunehmen. ­Es gelingt ihr nicht immer – aber dem Körper Vertrauen zu schenken ist das, was ihr neben der vorausschauenden Planung ihrer Aktivitäten am meisten hilft.

3 Tipps für den Alltag

1. Meiden Sie Kaffee, Alkohol und Nikotin, denn sie können harntreibend wirken.

2. Trinken von Preiselbeersaft kann helfen, Harnwegsinfekten vorzubeugen und die Blase auf natürliche Weise zu unterstützen.

3. Trinken Sie kurz vor dem Schlafengehen nichts mehr, um sich den nächtlichen Gang zur Toilette zu ersparen. Aber: Trinken Sie über den Tag verteilt dennoch ausreichend – am besten eineinhalb bis zwei Liter.

Weitere Tipps zum Umgang mit Blasenschwäche finden Sie in diesem Artikel. Wollen Sie mehr über Schirins Geschichte mit der MS erfahren? Im Interview gibt sie interessante Einblicke.

Hilfreiche Informationen und Adressen zum Thema findet man auch auf der Seite der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich. Dort sind ärztliche Beratungsstellen, Kontinenz- und Beckenbodenzentren sowie darauf spezialisierte PhysiotherapeutInnen aufgelistet. Am Beratungstelefon kann man seine ganz persönlichen Fragen stellen und kostenloses Infomaterial anfordern. Physio Austria hat außerdem ein Video zum Training im Bereich Beckenboden zusammengestellt, das hier angesehen werden kann.

M-AT-00001743 | Titelbild: © kei907/Adobe Stock

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