Der Arzt im Haus: Erfahren Sie mehr zur digitalen Visite

von | 30. August 2021 | Erkrankung & Therapie

Digitale Visite

Dr. Hamid AssarDigitale Angebote haben gerade in der Corona-Zeit einen Boom erlebt. Auch in der Medizin wurden neue Wege eingeschlagen – zum Beispiel mit der digitalen Visite. Arztgespräche auch von zu Hause aus führen zu können, ist für viele MS-Betroffene eine Erleichterung. Was Sie zur Visite über die Ferne wissen müssen, hat uns Oberarzt Dr. Assar im Interview erzählt.

Dr. Hamid Assar ist Leiter der Multiplen Sklerose-Ambulanz des Kepler Universitätsklinikums in Linz. In der Zeit der strengen Corona-Maßnahmen konnte er in seiner Abteilung erstmals die digitale Visite als Option anbieten. Dr. Assar erzählt von seinen Erfahrungen damit.

Wie sind Ihre Visiten in der Corona-Zeit abgelaufen?

Am Anfang der Corona-Pandemie kam es zu einer kompletten Sperre in der Ambulanz, sodass nur eine Notfallversorgung möglich war. Für PatientInnen, die normalerweise zur Routine-Untersuchung kommen, gab es also keine Zutrittsmöglichkeit. Vieles wurde in dieser Zeit über das Telefon mit spezialisierten KrankenpflegerInnen oder ÄrztInnen geregelt.

Mitte des Sommers haben wir schließlich die Möglichkeit bekommen, mit Hilfe eines speziellen Programms auch Video-Visiten anzubieten. Damit ist es nun möglich, gewisse Visiten in den digitalen Raum zu verlegen. PatientInnen können von zu Hause aus über Videokontakt mit ihren ÄrztInnen in Kontakt treten und ersparen sich so weite Wege.

Wo sehen Sie Einsatzmöglichkeiten für die digitale Visite?

Die Video-Visite ist für Krankheitsbereiche eine gute Option, bei denen eine klinische Untersuchung nicht unbedingt jedes mal notwendig ist. Beispielsweise können wir dabei PatientInnen mit neuen Beschwerden auffordern, eine Aktivität vor der Kamera zu zeigen, damit wir den Zustand besser abschätzen können. Das ist bei einem rein telefonischen Gespräch natürlich nicht möglich.

Trotzdem ist die Video-Visite aber natürlich kein Ersatz für alle klinischen Untersuchungen vor Ort. So ist bei der Multiplen Sklerose beispielsweise eine regelmäßige Untersuchung des neurologischen Status notwendig, die im Krankenhaus stattfinden muss. Es gibt aber viele MS-PatientInnen, die nicht jedes mal neurologisch begutachtet werden müssen. Für diese ist die Video-Visite eine gute Möglichkeit, einige der Untersuchungen auch über die Ferne stattfinden zu lassen.

Wie ist der Ablauf bis hin zur Video-Visite?

Im Vorfeld werden die PatientInnen von unseren spezialisierten Krankenschwestern telefonisch kontaktiert, um einen Termin zu vereinbaren. Die Zugangsdaten zu dem digitalen Meetingraum werden dann mit Hilfe eines Links per Mail an die Teilnehmenden geschickt. Die PatientInnen werden gebeten, relevante Befunde vorab an das Krankenhaus zu schicken. Zum Zeitpunkt der Visite loggen sich dann PatientIn und Arzt beziehungsweise Ärztin ein und starten so das Videotelefonat.

Muss man sich bei der digitalen Visite Sorgen um den Datenschutz machen?

Der Datenschutz der PatientInnen ist eine der größten technischen Herausforderungen bei der digitalen Visite. Um diesen sicherzustellen, müssen bei Video-Visiten spezielle Softwarepakete und gesicherte Verbindungen benutzt werden. Das Programm, das wir nun verwenden, wurde extra für diese Zwecke erstellt. Die Video-Visite wird dabei über eine gesicherte IP-Adresse geführt, sodass der nötige Schutz geboten wird. PatientInnen brauchen sich also keine Sorgen darüber machen, dass ihre Daten ins Netz gestellt werden.

Was sind weitere Herausforderungen bei digitalen Arztgesprächen?

Leider hat nicht jeder die Möglichkeit oder das Know-how, an einer Video-Visite teilzunehmen. Oft ist beispielsweise eine telefonische Einleitung notwendig, da manche mit der Technik schwer zurechtkommen.

Eine Voraussetzung ist natürlich auch, dass die PatientInnen körperlich in der Lage sind, die nötigen Geräte zu bedienen. Manche haben als Folge der MS Beeinträchtigungen wie etwa feinmotorische Störungen, durch die es schwer fallen kann, die Tasten am Smartphone zu erwischen. Hier ist Hilfe gefragt.

Auch kann es bei der digitalen Visite natürlich hin und wieder zu technischen Fehlern kommen. Beispielsweise gibt es manchmal Schwierigkeiten dabei, eine Verbindung aufzubauen oder der Ton funktioniert nicht.

Wo sehen Sie Vorteile in der digitalen Visite – speziell für Menschen mit MS?

Besonders für PatientInnen, die in der Mobilität beeinträchtigt sind, ist es eine Erleichterung, dass sie nicht immer so einen weiten Weg auf sich nehmen müssen. Zu unserer Klinik kommen beispielsweise PatientInnen aus ganz Oberösterreich und viele müssen zwei Stunden fahren, um uns für eine kurze Visite zu erreichen. Auch wenn die Video-Visite nicht alle Besuche vor Ort ersetzen kann, ist sie sicherlich eine Erleichterung in der medizinischen Versorgung.

Denken Sie, dass die digitalen Neuerungen aus der Corona-Zeit wie etwa die Video-Visite auch in Zukunft angeboten werden?

Das Thema Digitalisierung ist natürlich nicht neu. Durch die Pandemie geriet sie jedoch noch stärker in den Fokus, da es plötzlich zwingend notwendig war, neue digitale Angebote zu schaffen. Die Video-Visite wird uns aber sicher auch in Zukunft als Option erhalten bleiben.

​​Zum Beispiel gibt es in den einzelnen Bundesländern viele Krankenhäuser ohne neurologische Station. Hier könnte die Video-Visite ein neuer Weg sein, um für PatientInnen, die in der Nähe kein Krankenhaus mit einer neurologischen Station haben, Gespräche mit NeurologInnen auch digital zu ermöglichen.

Generell wird sich das Thema Digitalisierung sicher auch im medizinischen Bereich weiterhin ausdehnen – nicht nur bezogen auf den Kommunikationsweg zwischen PatientInnen und ÄrztInnen, sondern auch auf die Kommunikation zwischen ÄrztInnen oder zwischen einzelnen medizinischen Bereichen.

 

4 Tipps für eine gelingende Video-Visite:

1. Bereiten Sie sich ebenso gut auf das Gespräch vor wie bei einem persönlichen Besuch.

2. Überlegen Sie sich vorab Ihre Fragen – notieren Sie diese eventuell.

3. Testen Sie am besten vorab, ob die Technik funktioniert. Für die Videoübertragung benötigen Sie:
    – einen Internetzugang
    – ein Gerät mit Kamera und Mikrofon (z.B. ein Smartphone)

4. Nutzen Sie für die Video-Visite einen Raum,
    – in dem sie ungestört sind.
    – der möglichst ruhig ist.
    – in dem Sie auf Aufforderung auch ein paar Schritte gehen können.

M-AT-00001482 | Titelbild: © kai/Adobe Stock

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