Die Geschichte der Multiplen Sklerose – Teil 1

von | 20. Januar 2020 | Erkrankung & Therapie

Wer selbst von Multipler Sklerose betroffen ist oder eng mit Betroffenen zusammenlebt, hat sich vermutlich schon einmal die Frage gestellt, wie die geschichtliche Entwicklung der MS aussieht. Tatsächlich reichen die ersten Berichte über Multiple Sklerose weit zurück…

14. Jahrhundert: Eine erste Andeutung von MS 

Die MS ist erst seit dem 19. Jahrhundert als eigenständige Krankheit anerkannt. Die eigentliche Geschichte der MS reicht jedoch viel weiter – bereits im Mittelalter gibt es erste Berichte über das Auftreten der Multiplen Sklerose. Genau beziffern oder beweisen lässt sich dies jedoch nicht. Erste Zeichen von MS finden sich in Erzählungen aus dem 14. Jahrhundert und handeln von der Niederländerin Lidwina von Schiedam (1380 – 1433). Die damals 15-Jährige stürzte nach einem plötzlichen Schwächeanfall beim Eislaufen und brach sich dabei mehrere Rippen. Nach diesem Vorfall entwickelte sich ihr Krankheitsbild schubförmig weiter. Die beschriebenen Symptome, von Lähmungen über Sehstörungen und Schluckproblemen, deuten auf eine Erkrankung des Nervensystems hin – genauer gesagt MS. Dem Zeitgeist entsprechend glaubte die niederländerländische Nonne, dass Gott ihr die Krankheit stellvertretend für die Sünden ihrer Mitmenschen auferlegte.

1822: Tagebuch eines berühmten MS-Erkrankten

Der erste persönliche Bericht über die MS stammt von Sir Augustus d’Este (1794-1848). Der Enkel des britischen Königs Georg III. und Cousin von Queen Victoria führte Tagebuch über seine Erkrankung und seine Therapien. Die beschriebenen Symptome und der Krankheitsverlauf lassen auf die Multiple Sklerose schließen. Denn er beschreibt typische MS-Symptome, die zum Teil schubförmig auftreten. Auch über die Therapien berichtet er: Die Ärzte verordneten heiße Bäder, verschiedene Ernährungsweisen (d’Este sollte beispielsweise zweimal täglich Steak essen), Quecksilber und Morphium.  

1838: Entdeckung der Multiplen Sklerose

Robert Carswell und Jean Cruveilhier waren wesentlich an der Entdeckung der MS beteiligt. Unabhängig voneinander führten der schottische Pathologe Carswell (1793-1857) und der Pariser Professor für pathologische Anatomie Cruveilhier (1791-1874) pathologische Studien durch, die „sonderbare“ Schädigungen des Rückenmarks aufdeckten. Beide hielten ihre Beobachtungen in Form von Zeichnungen fest und veröffentlichten diese. Carswell publizierte knapp vor Cruveilhier und war damit der erste Mensch, der das Krankheitsbild der MS beschrieb. Als eigenständige Krankheit erkannten jedoch beide Pathologen die Befunde noch nicht an. So schrieb Cruveilhier die Befunde einer rheumatischen Erkrankung zu. Carswell stellte keinen Zusammenhang zwischen den Beschädigungen des Rückenmarks mit klinischen Symptomen her, da er die Erkrankten nicht persönlich kannte. 

1849: Beginn der klinischen Geschichte der MS 

1849 beschrieb der deutsche Internist Friedrich Theodor von Frerichs (1819-1885) die Schlüsselmerkmale der MS. In seiner Arbeit „Über Hirnsclerose“ identifizierte Frerichs charakteristische Merkmale der MS: schubweise Verbesserungen und Verschlechterungen und Augenzittern. Darüber hinaus lieferte Frerichs einen weiteren bedeutenden Beitrag zur MS-Forschung: Er erkannte als erster, dass die Erkrankung Auswirkungen auf die kognitiven Funktionen des Gehirns haben kann. 

1863: Erkennen von Ursachen der MS

Den nächsten Schritt in der MS-Historie machte Eduard von Rindfleisch im Jahr 1863. Er lieferte Hinweise zu der Ursache der Multiplen Sklerose und erkannte, dass Entzündungen im Hirn zu Nervenschäden führen.

1868: MS wird eigene Krankheit 

Der Durchbruch in der Geschichte der MS erfolgte 1868 durch Jean Martin Charcot (1825-1893). Der Pariser Neurologe und Psychiater schaffte die Verbindung zwischen den pathologischen Befunden und den beobachteten „seltsamen“ Symptomen der Betroffenen. 

Erst durch diese Arbeit wurde MS als eigenständige Krankheit anerkannt. In seiner 1868 veröffentlichten Beschreibung mit dem Titel „Histologie de la Sclérose en plagues“ beschriebt er seine Erkenntnisse und prägt den Begriff der „sclérose en plaques“. Die Ursache von MS vermutete Charcot dabei in einer Infektion. Dafür könnten, nach Charcots Verständnis, sowohl äußere Faktoren, wie beispielsweise Kälte, wie auch innere Faktoren wie Schock oder Trauma ein Auslöser sein. 

Zum Verständnis von MS trug Charcot Folgendes bei:

  • Die Entwicklung verschiedener diagnostischer Kriterien wie das Sehen von Doppelbildern, Ataxie (Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen), Dysarthrie (undeutliches Sprechen)
  • Eine Beschreibung von MS-Läsionen
  • Die Abgrenzung der MS gegenüber Morbus Parkinson 

Die Grundsteine der MS-Forschung sind gelegt: Und so geht es weiter…

Die „Geburtsstunde“ der MS als eigenständige Krankheit im Jahr 1868 ebnete den Weg für weitergehende Forschung im Bereich der Diagnose, der Entstehung und der Therapiemöglichkeiten. Wie es mit der Geschichte der MS weiter ging – und noch immer weitergeht, erfahren Sie im nächsten Teil. 

 

Quellen: 

https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-infos/geschichte-der-ms/jahreszahlen/

http://ms-gesellschaft.at/news/die-geschichte-der-multiplen-sklerose/

AT/NEUR/0220/0004 | Titelbild: © Ping198/Adobe Stock

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