Ernährung und MS: Im Gespräch mit Dr. Gabriele Leitner (Teil 2)

von | 31. Oktober 2020 | Ernährung

Dr Gabriele Leitner

Mag. Dr. Gabriele Leitner ist Ernährungswissenschaftlerin und Diätologin, früher im klinischen Bereich und mittlerweile rund zehn Jahre an der FH St. Pölten als Dozentin tätig. Hier unterrichtet sie Rheumatologie, Neurologie, Allergologie und Ernährungslehre. Nebenbei arbeitet Frau Dr. Leitner freiberuflich in einer Praxis in Wien und steht der MS Gesellschaft Wien einen Nachmittag pro Monat als Ernährungsberaterin zur Verfügung.

 

Im 1. Teil unseres Interviews hat uns Frau Dr. Leitner unter anderem erklärt, welche Rolle die richtige Ernährungsweise für Menschen mit Multipler Sklerose spielt, worauf Betroffene besonders achten sollten und welche Lebensmittel sich für die anti-entzündliche Kost besonders gut eignen. Im 2. Teil erläutert die Ernährungsexpertin, wie gesunde Ernährung leichter gelingen kann, was es mit Fasten-Trends auf sich hat und mit welchen Fragen Betroffene in ihre Beratungseinheiten kommen.

1. Haben Sie praktische Tipps, mit denen gesunde, abwechslungsreiche Ernährung leichter gelingt?

Besonders wichtig ist es, dass man bereit ist, etwas ändern zu wollen. Wenn man sich für eine neue Kostform entscheidet, beginnt der Umdenkprozess bereits beim Planen und Einkaufen. Was nicht zuhause ist, kann auch nicht verkocht werden. Daher muss schon im Supermarkt die richtige Entscheidung getroffen werden. Wenn es schnell und einfach gehen soll, tendiert man natürlich oft zu Fertigprodukten, diese sollten in der anti-entzündlichen Kost aber möglichst hintangestellt werden. Frischkost ist hier die erste Wahl.

Bei Salat und Gemüse ist es aber z. B. eine Erleichterung, ab und zu auch auf Tiefkühlprodukte zurückzugreifen. Diese sind nicht weniger wertvoll, sondern enthalten gleich viele Nährstoffe, da sie ja sofort verarbeitet und schockgefrostet werden – das heißt, es gehen nur ganz wenige Nährstoffen verloren. Im Vergleich dazu liegen Gemüse und Obst oft mehrere Tage in den Regalen, wodurch der Verlust an Inhaltsstoffen im Vergleich zu Tiefkühlware deutlich höher ist.

Was man z. B. gut vorbereiten kann, wenn es schnell gehen muss, sind Pfannengerichte mit Gemüse, Fisch, Quinoa und magerem Fleisch oder auch Pasta. Stichwort „Vorkochen“: Alles was man gut einfrieren kann, hilft Zeit zu sparen. So kann man gesunde Ernährung auch etwas leichter in den Alltag integrieren.

2. Wie steht es mit vegetarischer Ernährung bei Multipler Sklerose?

Die vegetarische Ernährungsform macht durchaus Sinn, weil in der anti-entzündlichen Ernährung eine pflanzenorientierte Kost zu bevorzugen ist, sprich eine lakto-vegetabile Ernährung mit Fisch, aber wenig Fleisch – also quasi eine modifizierte lakto-vegetabile Ernährung. Viele Menschen können ihre Essgewohnheiten, wenn sie gemischte, bodenständige Kost gewöhnt waren, nicht von heute auf morgen umstellen. Deshalb denke ich, eine gelockerte lakto-vegetabile Ernährungsweise mit mehr Fisch und weniger Fleisch ist eine gute Möglichkeit, um sich langsam an eine pflanzenbasierte Kost zu gewöhnen. Das Schöne daran: Man kann damit viel bewirken und gleichzeitig auch genießen.

3. Sie bieten bei der MS Gesellschaft Wien Ernährungsberatung an. Was sind die häufigsten Fragen, mit denen Betroffene zu Ihnen kommen?

Im Beratungszentrum betreue ich vielfach frisch diagnostizierte MS-PatientInnen, die meist zwischen 13 und 40 Jahre alt und relativ selten übergewichtig sind. In den Tageszentren ist das anders, da hier vor allem Menschen, die schon länger mit MS leben, Unterstützung und Hilfe brauchen.

Im Wesentlichen geht es in den Beratungen darum, die anti-entzündliche Ernährung an die Person anzupassen und ganz individuell zu gestalten. Jeder Mensch hat andere Bedürfnisse und gerade bei MS gibt es unterschiedliche Verlaufsformen, die man auch hinsichtlich Ernährung berücksichtigen muss. Allgemein würde ich raten, keine Eigenbehandlungen durchzuführen, sondern alle Fragen mit ÄrztInnen oder DiätologInnen abzusprechen und keine Selbstversuche mit Informationen aus dem Internet durchzuführen. Das kann auch nach hinten losgehen und gefährlich werden!

Generell ist das Thema „Supplementierung“ bei MS ein sehr beliebtes – mit Fragen wie „Was macht Zink?“ oder „Soll ich dieses und jenes noch zusätzlich nehmen?“. Ganz oft geht es auch um Fragen rund um Vitamin D, weil MS Betroffene oft einen sehr niedrigen Vitamin-D-Spiegel aufweisen. Mittlerweile wird das Vitamin bei Bedarf auch von ÄrztInnen als Supplement verordnet. Studien zeigen, dass die Voraussetzungen für Therapien besser sind, wenn der Vitamin-D-Spiegel innerhalb der Norm ist. Man geht davon aus, dass ein niedriger Status unter anderem auch mit dem Entzündungsgeschehen in Verbindung steht. Wichtig ist daher, den Vitamin-D-Status mit den behandelnden ÄrztInnen abzuklären und keinesfalls Selbstversuche zu starten. Gerade Vitamin D kann man nämlich auch leicht überdosieren, da es sich bei Vitamin D um ein fettlösliches Vitamin handelt, das im Körper gespeichert wird.

Auch Fragen zu Diäten, die im Netz kursieren sind sehr häufig, z. B. zu Selbstversuchen mit speziellen Diäten, die angeblich Schübe verhindern können. Hier sollte man sehr vorsichtig sein und sich wirklich bei ExpertInnen informieren.

4. Stichwort „Diäten“: Was halten Sie von Intervallfasten bzw. Heilfasten bei MS?

Ich würde Fasten bei MS nicht empfehlen, bei spezifischen rheumatologischen Erkrankungen hingegen schon, da man aus Studien weiß, dass Fasten schon nach ein bis zwei Tagen zu einer Schmerzlinderung führt. Für MS gibt es diese Evidenz noch nicht.

Aber: Der Ansatz ist grundsätzlich ein guter! Und möglicherweise auch für MS PatientInnen ein weiterer therapeutischer Ansatzpunkt. Hierbei ist aber eines ganz zentral: All diese Fasten-Formen machen nur dann Sinn, wenn im Anschluss eine Ernährungsumstellung erfolgt. Wenn man nur kurz fastet und dann wieder in das alte Ernährungsschema zurückkehrt, ist kein anhaltender Effekt auf das Entzündungsgeschehen zu erwarten. Es gibt dazu bereits Studien, die bestätigen, dass Fasten mit anschließendem Übergang auf beispielsweise mediterrane Ernährung durchaus empfehlenswert ist.

Nach jetzigem Stand kann man diese Fasten-Formen, wie vor allem das Intervallfasten in der Praxis noch nicht mit 100%-prozentiger Sicherheit empfehlen. Vermutet wird, dass Fasten (Intervallfasten und Heilfasten gleichermaßen) eine positive Wirkung auf den sogenannten „Demyelinisierungs-Prozess“ bei MS hat. Angeblich kann dieser Prozess durch das Fasten positiv beeinflusst werden. Das ist prinzipiell eine sehr tolle Sache. Es wird derzeit viel in diese Richtung geforscht – vielleicht kann in einigen Jahren, wenn genug Daten vorliegen, Fasten auch bei MS als offizielle Begleittherapie von ÄrztInnen und DiätologInnen empfohlen werden.

Ich möchte aber ausdrücklich darauf hinweisen, dass man Diäten bei bestehender MS grundsätzlich nicht in Eigenregie durchführen sollte. Manche können auch wirklich gesundheitsschädigend und kontraproduktiv sein, für MS-Betroffene ist das nicht unwesentlich, sondern sehr wichtig zu wissen.

Hier geht’s zum 1. Teil unseres Interviews.

 

M-AT-00000660 | Titelbild: © Stark mit MS | Quelle Portrait: FH St.Pölten

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