ExpertInnen-Tipps für ein gelungenes Arzt-Patienten-Gespräch

von | 4. Oktober 2021 | Erkrankung & Therapie

Arztgespräch

Wie kann das Gespräch zwischen PatientIn und behandelndem Arzt bestmöglich gelingen? Wir haben mit ExpertInnen darüber gesprochen, was es für Betroffene dabei zu beachten gilt und wie man sich optimal darauf vorbereitet.

Zeit, Vertrauen und Einfühlungsvermögen

Die Diagnose Multiple Sklerose ist für die Betroffenen natürlich erstmal ein Schock. Gerade nach der Diagnose sind Verunsicherung und Angst selbstverständlich ein großes Thema, weiß Neurologe Dr. Christian Bsteh. Da ist es umso wichtiger, einen Arzt zu finden, bei dem die Chemie stimmt”, einen Arzt, der einen auffängt und dort abholt, wo man als PatientIn gerade steht.

Laut Robert Arthofer, MS-Patient, ist dabei entscheidend, dass der Arzt sich besonders für den ersten Untersuchungstermin viel Zeit nimmt, um die betroffene Person sowie die individuellen Probleme und Herausforderungen kennenzulernen. PatientInnen können mit der neuen Situation nur Stück für Stück zurechtkommen. Das ist ein längerer Prozess. Es bedarf mehrerer Gespräche, um alle Aspekte individuell zu besprechen und auch auf vorhandene Ängste einzugehen, betont Dr. Bsteh.

Hier wird bereits deutlich, wie wichtig es ist, einen Arzt auszuwählen, der einem sympathisch ist und dem man vertraut. Hat man kein gutes Gefühl, ist es deshalb ratsam, sich einen anderen Arzt zu suchen, meint auch Dr. Hamid Assar, Leiter der Multiplen Sklerose-Ambulanz des Kepler Universitätsklinikums in Linz.

Arzt und Patient als Team … „drum prüfe, wer sich ewig bindet”…

…schließlich geht es bei dieser therapeutischen Beziehung darum, von Anfang an ein partnerschaftliches Verhältnis aufzubauen, das über viele Jahre bestehen soll. Kommunikation auf Augenhöhe, Zeit, Einfühlungsvermögen, Ehrlichkeit, Offenheit, Vertrauen sowie klare und verständliche Worte sind hier die entscheidenden Faktoren für eine gelingende Arzt-Patienten-Beziehung – darin sind sich die ExpertInnen einig.

Es gehören immer zwei dazu…

Wie in jeder Beziehung gilt das auch hier: der Arzt als medizinischer Experte und der Betroffene als Experte für seinen eigenen Körper. Beide können gleichermaßen wertvolle Beiträge zur aktuellen Problemlösung und Therapie leisten. Nur wenn es glückt, eine derartig vertrauensvolle Gesprächsbasis zu schaffen, kann man gemeinsam als Arzt-Patienten-Team bestmögliche, individuelle Lösungen erarbeiten und allgemeine Fragen der Erkrankung besprechen. Bei einem guten Arzt-Patienten-Gespräch bleiben keine Fragen offen, meint auch MS-Schwester Silvia Katzmayr.

Gemeinsam an einem Strang ziehen

Ist es Aufgabe des Arztes, dem Patienten die richtigen Fragen zu stellen oder umgekehrt, Aufgabe des Patienten, aufgrund der Expertise für sein eigenes Befinden, dem Arzt alle eventuell relevanten Informationen zu liefern. Wie so oft: beides ist richtig und wichtig!

Daher kann es hilfreich sein, vor dem Arzttermin eine Liste mit den wichtigsten Gesprächspunkten (siehe unten) zu erstellen, um nichts Wichtiges zu vergessen, rät Dr. Assar. Überlegen Sie sich am besten vorab: Was möchte ich den Arzt fragen? Welche Informationen zur Erkrankung und möglichen Therapien brauche ich? Aber auch: Welche Informationen kann ich dem Arzt geben, damit er ein umfassendes Bild erhält, wie es mir geht?

Nur wenn eine gute Vertrauensbasis zwischen Arzt und PatientIn besteht, können Betroffene offen Probleme ansprechen, die durch die Erkrankung bedingt sein können. Dieser Vertrauensvorschuss hilft, gemeinsam gute Lösungen zu finden, schildert Neurologin Dr. Doris Hauer aus ihrem Berufsalltag.

Nur wer sein Ziel kennt, kann den Weg dorthin planen

Das gilt auch für die MS-Therapie. Ausgehend von der, im offenen Gespräch ermittelten, Patientengeschichte sollte man gemeinsam Ziele definieren.

Was ist den Betroffenen wichtig und was dem behandelnden Arzt? Dabei kann es Unterschiede geben, wissen Dr. Hauer und Mag. Lanzinger (MS Patientin und Leiterin der Selbsthilfegruppe Kunterbunt): Während für ÄrztInnen oft die Ziele im Vordergrund stehen wie: möglichst wenige Schübe, kein Fortschreiten der Krankheit und keine Aktivität im MRT, stehen bei PatientInnen mehr die Symptome im Vordergrund. Sie möchten das tägliche Leben möglichst ohne Beeinträchtigung meistern können und wünschen sich bei besonders störenden Symptomen medikamentöse Unterstützung, möglichst ohne Nebenwirkungen.

Was ist realistisch und wie kann es erreicht werden?

Hier geht es nach Meinung von Dr. Bsteh darum, PatientInnen individuell, lösungsorientiert und konstruktiv aufzuzeigen, welche Möglichkeiten und Stärken sie haben sowie was man gemeinsam verbessern kann.

Gerade PatientInnen, die unter Fatigue leiden, haben manchmal das Gefühl, sie würden zu wenig leisten. Von diesem Gedanken gilt es, Betroffene zu befreien. Sie setzten sich damit nur noch mehr unter Druck, betont DGKS Silvia Katzmayr, MS-Schwester in Linz. Stattdessen rät sie Betroffenen, auf sich selbst zu achten und die individuell nötigen Erholungspausen in den Alltag einzubauen.

Zusammenfassend gilt:

Je gründlicher man sich als PatientIn auf das Gespräch mit dem Arzt vorbereitet und je besser die Vertrauensbasis zwischen Arzt und Betroffenem, desto stimmiger werden die Lösungen sein, die das Arzt-Patienten-Team gemeinsam findet.

Die wichtigsten Punkte zur Vorbereitung auf Ihren nächsten Arzttermin haben wir hier für Sie zusammengestellt:

4 ExpertInnen-Tipps für ein produktives Arzt-Patientengespräch:

1. Bringen Sie relevante Befunde mit.

2. Überlegen Sie sich vorab wichtige Fragen, die Sie stellen möchten – z.B.:
– Welche Informationen rund um die Erkrankung oder mögliche Therapien brauche ich?
– Was ist das Therapieziel?
– Welche zusätzlichen Therapien oder Maßnahmen können mir helfen (z.B. Reha)?
– Wie kann ich selbst den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen?

3. Fragen Sie sich: Was muss ich dem Arzt sagen, damit er umfassend über mein aktuelles Befinden Bescheid weiß? – z.B.:
– Was hat sich seit dem letzten Termin geändert?
– Machen Sie sich vorab im Alltag regelmäßig Notizen zu Ihrem Befinden.
– Welche Symptome sind für mich vor allem störend?
– Wie geht es mir mit der aktuellen Therapie?

4. Wechseln Sie den Arzt, falls Sie sich nicht gut aufgehoben fühlen.
– Ist mir der Arzt/die Ärztin sympathisch?
– Habe ich Vertrauen und kann offen mit ihm/ihr sprechen?

M-AT-00001560 | Titelbild: © Khunatorn/Adobe Stock

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