Frieden schließen mit der MS – von Feind zu Freund (Teil 3)

von | 22. November 2021 | Alltag & Beruf

Arbeit und MS

Die Diagnose MS trifft viele erst mal wie ein Hammerschlag: Oft ist es eine große Herausforderung, die Krankheit anzunehmen und wieder zu einer optimistischen Lebenseinstellung zu finden. So ging es auch Schirin – bis sie begonnen hat, ihr Leben und ihr Mindset komplett umzukrempeln. Mit welchen Schritten es ihr gelungen ist, einen positiven Umgang mit der MS zu finden, verrät sie hier.

Nach der Diagnose hat Schirin (27) erstmal versucht, gegen die MS anzukämpfen, erzählte sie uns im ersten Teil des Interviews. Im Gegensatz dazu kann sie heute die MS nicht nur als Teil von sich, sondern sogar als eine Art Freundin annehmen. Wie ihr dieser Sinneswandel gelungen ist, erfahren Sie hier.

Wie hast du es geschafft, deine Einstellung zur MS zu ändern?

Als erstes kam die äußerliche Veränderung: Ich habe meinen kompletten Lebensstil in eine gesündere Richtung gelenkt und 80 Kilogramm abgenommen. Erst mit der Zeit habe ich mich dann auch mehr mit meinem Inneren auseinandergesetzt. Dabei musste ich besonders an der Selbstliebe arbeiten. Beim Versuch eine innere Balance zu finden, habe ich das Meditieren als hilfreiche Methode für mich entdeckt.

Irgendwann ist mir auch bewusst geworden, dass es meine eigene Entscheidung ist, ob ich eine optimistische oder pessimistische Einstellung zum Leben und zur MS einnehme. Natürlich passiert auch Negatives im Alltag, aber man kann sich dann fünf Tage darüber ärgern, oder versuchen, etwas Positives daraus zu ziehen und daran zu wachsen. Es gibt immer zwei Seiten und die sonnigere ist die bessere. Ich habe also intensiv daran gearbeitet, meinen Fokus mehr auf diese sonnige Seite zu legen. Heute weiß ich: Ein unterstützendes Umfeld und ein positives Mindset machen extrem viel aus.

Inwiefern war Selbstliebe ein wichtiges Thema für dich?

Es war anfangs schwierig für mich, mit der Krankheit ein positives Bild von mir selbst zu haben. Irgendwann dachte ich aber: Okay – du bist krank, du hast eine Gehbehinderung und entsprichst damit vielleicht nicht dem gängigen Schönheitsideal. Aber dein Körper hat schon so viel verkraftet, so viel geleistet mit der Krankheit – das muss man ihm anrechnen.

Ich habe versucht, mich so lange von diesem Mindset zu überzeugen, bis ich es geglaubt habe und die Krankheit als Teil von mir akzeptieren konnte. Statt gegen die MS anzukämpfen wie am Anfang, weiß ich heute: Die MS gehört zu mir – wir sind eins.

Trotzdem möchte ich mich nicht darüber definieren. Ich habe die Erkrankung, aber ich bin nicht die Erkrankung. Ob ein Mensch einen mag, hängt nicht davon ab, ob man krank ist oder gesund, sondern von der Persönlichkeit. Diese neue innere Einstellung war ein Wendepunkt in meinem Leben mit der MS. Erst ab da konnten Körper und Geist etwas zur Ruhe kommen.

Was hat dir noch geholfen, die MS anzunehmen?

Ich habe eingesehen: Wenn du gegen die MS ankämpfst, führst du auch einen täglichen Kampf gegen deinen eigenen Körper. Statt als Feindbild stelle ich mir die MS heute gerne als eigenständige Person vor – wie eine Freundin, mit der ich verschmolzen bin. So fällt es mir leichter, sie anzunehmen. Wenn man andauernd gegen eine Freundin kämpft, dann schlägt sie natürlich zurück. So ist es auch mit der MS. Wenn wir aber versuchen, im Einklang miteinander zu leben, tut es der MS gut und mir auch.

Wie hast du ein unterstützendes Umfeld für dich geschaffen?

Durch die Diagnose habe ich viele Freunde verloren. Im Nachhinein ist das aber okay, weil mir diese Leute nicht gutgetan haben. Viele haben die Krankheit runtergespielt und mich nicht ernst genommen. Daher habe ich einige Beziehungen im Sand verlaufen lassen. 

Nach der Diagnose habe ich auch gemerkt, dass zwischenmenschliche Interaktionen für mich sehr anstrengend geworden sind. Ich verbringe zwar gerne einen Tag mit Freunden, aber danach muss ich mich länger davon erholen. Ich habe durch die MS nur begrenzte Energie und so mittlerweile einen kleineren, ausgewählten Freundeskreis. Aber ich weiß, dass darin nur Menschen sind, die mich unterstützen.

Kannst du auch positive Dinge sehen, die durch dein Leben mit der MS entstanden sind?

Sehr viele sogar. Ohne die Diagnose und die damit verbundene Trennung von meinem damaligen Partner hätte ich mich viel weniger mit mir selbst auseinandergesetzt. Dafür war die Zeit alleine sehr wichtig. Ich habe mich durch die MS zum Beispiel viel mehr mit meinem eigenen Körper beschäftigt. Wenn alles nicht so gekommen wäre, hätte ich auch meinen heutigen Partner nicht kennengelernt, der enorm unterstützend ist. Außerdem gab es Anlass, mir bedeutsame Fragen über mein Leben zu stellen: Führe ich es so, dass es mich selbst erfüllt und glücklich macht? Oder nur mein Umfeld?

Insgesamt führe ich mittlerweile im Vergleich zu vor der Diagnose ein recht aufregendes Leben. Das hat mir die MS sozusagen geschenkt. Sie hat mich dazu gezwungen, mein Leben in eine komplett neue Richtung zu lenken. Natürlich gibt es viele Dinge, die aufgrund der MS schwieriger sind als zuvor. Aber es ergeben sich auch ganz viele neue Möglichkeiten, die man nur sehen muss. Mir geht es zwar mit der MS manchmal nicht gut, aber insgesamt hat sich mein Leben mit der MS trotzdem in eine positivere Richtung gewendet. Daher bin ich sehr dankbar, dass mein Leben so verlaufen ist – auch wenn das eigenartig klingt.

M-AT-00001685 | Titelbild: ©Antonioguillem/Adobe Stock

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