Gestärkt durch die Arbeitswelt mit MS – Experte im Interview (Teil 1)

von | 12. Juli 2021 | Alltag & Beruf

Arbeit und MS

Menschen mit einer chronischen Erkrankung wie MS müssen sich im Arbeitsleben ganz besonderen Herausforderungen stellen. Welche Unterstützung man sich dabei holen kann, hat uns der Obmann des Vereins ChronischKrank Mag. Jürgen Ephraim Holzinger erklärt.

Mag. Holzinger setzt sich mit seinem Verein für chronisch Erkrankte ein und kann als Betroffener auch aus eigener Erfahrung sprechen. Im Interview hat er uns wertvolle Tipps zum Thema Arbeit und MS gegeben. In diesem Teil verrät er, warum es sich lohnt, einen Behindertenpass zu beantragen, wenn man durch die MS am Arbeitsplatz eingeschränkt ist und was man sonst noch tun kann, wenn man beruflich etwas leiser treten muss.

Welche Fragen zum Thema Arbeit stellen Ihnen chronisch kranke Personen besonders häufig?

Die häufigsten Anliegen betreffen die Berufsunfähigkeit und die Rehabilitation. Eine Reha wird benötigt, wenn man seinen Job aufgrund der Krankheit nicht ausüben kann und es nicht mehr ausreicht, in den Krankenstand zu gehen. Dabei kann es sich entweder um eine medizinische oder eine berufliche Reha-Maßnahme, also etwa eine Umschulung oder Weiterbildung, handeln. Bei Anliegen zur Berufsunfähigkeit vertreten wir von ChronischKrank in Österreich jedes Jahr ungefähr 1.000 Personen vor Gericht. In der Corona-Zeit haben sich zum Beispiel auch viele Personen mit Fragen zum Thema Freistellung der Hochrisikogruppen an uns gewendet.

Gibt es besondere Herausforderungen, denen sich Menschen mit MS in der Arbeitswelt stellen müssen und wo kann man sich dabei Hilfe holen?

Mit einer chronischen Erkrankung ist das passende Arbeitsumfeld besonders wichtig. Je nach Art und Schwere der Symptome stellt sich die Frage: Welche Hilfsmittel kann ich verwenden, um den Beruf besser ausüben zu können? Dazu beraten wir Betroffene über das Sozialministeriumservice.

Häufig treten auch Probleme mit ArbeitgeberInnen auf – zum Beispiel wenn man den Beruf nicht mehr so ausüben kann wie zuvor. Eine gute Anlaufstelle, an die wir Betroffene häufig weiterleiten, die Probleme im Job oder mit ArbeitgeberInnen haben, ist fit2work. Das ist eine kostenlose Beratungsstelle, an die sich Betroffene mit Fragen wenden können, wie etwa: Welche Hilfsmittel gibt es, die mir das Arbeitsleben erleichtern könnten? Oder: Wie spreche ich mit meinen ArbeitgeberInnen über die Erkrankung? Personen, die aufgrund der Erkrankung nur mehr eingeschränkt arbeiten können, kommen leichter an Unterstützung und Förderungen, wenn sie zuvor einen Behindertenpass beantragen.

Warum ist es wichtig, einen Behindertenpass zu beantragen, wenn man beim Arbeiten durch die Erkrankung eingeschränkt ist?

Die Beantragung eines Behindertenpasses ist der erste wichtige Schritt, den man setzen sollte, wenn man in der Arbeit merkt, dass man durch die Erkrankung leiser treten muss. Denn der Pass ermöglicht einen Kündigungsschutz und öffnet viele Tore: Zum Beispiel leichteren Zugang zu gewissen Hilfsmitteln, Förderungen oder Rehabilitation. Falls Probleme mit ArbeitgeberInnen auftreten – etwa weil man durch die Erkrankung nur noch eingeschränkt arbeiten kann – lassen sich mit dem Behindertenpass auch kostenlose Schlichtungsverfahren einleiten. Dann hilft das Sozialministeriumservice, eine passende Lösung zu finden.

Wohin kann man sich wenden, wenn man sich zum Thema Behindertenpass und Arbeit informieren möchte?

Auch hierbei bietet unser Verein Informationen und Unterstützung an. Bei Bedarf vertreten wir auch Betroffene bei der Beantragung des Behindertenpasses. Außerdem wollen wir den Menschen in diesem Punkt ein bisschen die Angst nehmen: Viele wollen das Wort „Behinderung“ gar nicht in den Mund nehmen oder haben die Sorge, dass jeder darüber Bescheid weiß, wenn sie einen Behindertenpass beantragen und diese Information öffentlich verfügbar ist. Das ist aber nicht der Fall.

Wer erfährt davon, wenn ich einen Behindertenpass beantrage?

Außer der betroffenen Person und der Behörde erfährt niemand automatisch, dass man einen Behindertenpass beantragt oder besitzt. Es ist also jeder Person selbst überlassen, wem sie den Behindertenpass zeigt und wer somit darüber Bescheid weiß. Es steht auch nicht im Behindertenpass, welche Erkrankung man hat.

Soll ich meine ArbeitgeberInnen über den Behindertenpass informieren?

Auch ArbeitgeberInnen wissen nicht automatisch Bescheid, wenn Sie einen Behindertenpass beantragen. Es ist aber zum Teil hilfreich, sie darüber zu informieren, damit sie mit passenden, unterstützenden Maßnahmen reagieren können. Zusätzlich können ArbeitgeberInnen bestimmte Förderungen beantragen, wenn Mitarbeitende einen Behindertenpass haben. Auch hierzu bieten wir Beratungsgespräche an.

Was kann man sonst noch tun, wenn man durch die Erkrankung in der Arbeit leiser treten muss?

Der erste Schritt ist wie bereits erwähnt das Beantragen eines Behindertenpasses, durch den bereits viel mehr Förderungen, Hilfsmittel und Rehabilitationsmaßnahmen ermöglicht werden.

Wenn man dennoch merkt, dass man in der Arbeit ruhiger treten muss, ist als zweiter Schritt dann zum Beispiel die Wiedereingliederungsteilzeit eine Möglichkeit. Damit schaltet man sozusagen mal einen Gang zurück: Zum Beispiel, in dem man nur noch 20 Stunden arbeitet und sich so ein halbes oder ganzes Jahr ein bisschen Auszeit nimmt und nebenbei Reha-Maßnahmen macht.

Außerdem ist es wie gesagt wichtig, medizinische oder berufliche Reha-Maßnahmen zu beantragen, wenn man aufgrund der Beschwerden immer wieder in Krankenstand gehen muss. Denn es ist maximal ein Jahr möglich, Krankengeld zu bekommen und dann wird man ausgesteuert. Reha-Maßnahmen sind also wichtig, um dem vorzubeugen.

Haben Sie ein Beispiel für Hilfsmittel, die beantragt werden könnten?

Das passende Hilfsmittel ist immer von der Einschränkung abhängig. Für Personen, die zum Beispiel in der Mobilität eingeschränkt sind und Probleme mit den Beinen haben, könnte das Homeoffice ein passendes Hilfsmittel sein. Hierbei hat sich auch durch Corona viel verändert, da nun viele mehr von zu Hause aus arbeiten können. Im Homeoffice braucht man natürlich eine bestimmte Ausstattung – also einen Computer oder Ähnliches. Auch dafür kann man, wenn man einen Behindertenpass hat, Unterstützung beantragen.

Sind Sie noch neugierig, wie man sich beim Antrag auf Rehabilitation Unterstützung holen kann und wie eine Balance zwischen Arbeit und Freizeit gelingen kann? Antworten auf diese und weitere Fragen finden Sie bald im zweiten Teil unseres Interviews.

M-AT-00001416 | Titelbild: © fizkes/Adobe Stock

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