Ob man in Österreich lebt oder im Ausland auf Reisen ist: Die Schutzimpfung ist ein wichtiges Thema. Dass man sich davor nicht fürchten muss, betont Tropenmediziner und Impf-Experte Univ. Prof. Dr. Herwig Kollaritsch im Interview.


Welchen Impfschutz sollten MS-Patienten haben?

Grundsätzlich sollte ein Patient mit Multipler Sklerose denselben Impfschutz haben, wie jeder andere Österreicher, gemäß dem Österreichischen Impfplan. Allerdings muss man beachten, dass MS-Patienten – vor allem mit einer immunmodulierenden Therapie (d. h. mit einer Beeinflussung des Immunsystems) – gewisse Impfungen nicht erhalten dürfen. Kein Problem gibt es mit inaktivierten Impfstoffen (sog. Totimpfstoff mit abgetöteten Krankheitserregern, die sich nicht mehr vermehren können).


Bei welchen Impfstoffen ist Vorsicht geboten?

Bei Lebendimpfstoffen (d. h. sie enthalten geringe Mengen von vermehrungsfähigen aber abgeschwächten Krankheitserregern) ist Vorsicht geboten, da der Impfstoff eine Infektion darstellt – und in weiterer Folge möglicherweise einen Schub auslösen könnte. Dies ist zwar mit den heutigen modernen Impfstoffen meiner Erfahrung nach nie aufgetreten, aber aus prinzipieller Vorsicht vermeidet man Lebendimpfungen zumeist. Außer das Risiko, durch die „echte“ Erkrankung dauerhaft Schaden zu nehmen, ist deutlich höher als das Impfrisiko.

Bei Masern, Mumps und Röteln ist die Anamnese entscheidend. Kann man auf Impfungen im Kindesalter aufbauen? Sind Antikörper vorhanden? Hier schafft ein einfacher Bluttest Klarheit.

Wichtig! Die Schutzimpfung gegen Gelbfieber (Lebendimpfung) ist die einzige Impfung, die nachweislich Schübe bei MS-Patienten provozieren kann. Sie darf nicht gegeben werden! Wird eine Reise in ein Land mit Impfpflicht gegen Gelbfieber geplant, so wird man entweder davon Abstand nehmen müssen oder in Einzelfällen einen sogenannten „vaccination exemption waiver“, also ein Impfausschlusszeugnis, ausstellen. Das kann nur eine zugelassenen Gelbfieberimpfstelle.


Zu welcher Vorgangsweise raten Sie Patienten?

Wenn es um den Impfschutz geht, sind bei MS-Patienten das Timing in Bezug auf geplante Therapieschritte und der momentane Zustand entscheidend. Der Patient muss stabil sein und darf nicht in einem Schub sein. Seine Therapie muss mit dem Impfwunsch in Einklang zu bringen sein. Erst dann kann ich mich dem Thema Impfschutz widmen. Generell gilt: Impfungen müssen auf die persönlichen Bedürfnisse des Patienten abgestimmt sein.

Ich rate Patienten, ihren behandelnden Neurologen aktiv auf das Thema anzusprechen und ihn um die Ausarbeitung eines Immunisierungsvorschlages zu bitten. Dieser sollte im Arztbrief festgeschrieben sein; diesen kann der Patient dann im nächsten Schritt an den niedergelassenen Arzt zur Durchführung der in Österreich empfohlenen Impfungen weitergeben.


Wie sollten Patienten einen bevorstehenden Urlaub am besten planen?

Rund ein halbes Jahr vor dem geplanten Urlaub sollte der Patient, wenn er grundsätzlich von seinem Neurologen für eine Reise freigegeben ist, mit seinen medizinischen Unterlagen einen Reisemediziner aufsuchen. Gemeinsam kann die geplante Reisedestination besprochen werden. Reisen innerhalb von Europa bzw. nach u. a. Kanada, USA oder auch einige tropische Destinationen stellen meist kein Problem dar.

Reisen in Länder, in denen gerade Infektionskrankheiten epidemisch auftreten, sind jedenfalls zu vermeiden. Auch bei vielen anderen Destinationen wird es möglicherweise nötig sein, die Reise anzupassen, d.h. innerhalb des Landes bestimmte Regionen zu meiden, besondere Vorsicht bei der Quartierwahl walten zu lassen etc. Ebenso ist der Grad der Immunsupprimierung des Patienten entscheidend: Bei höhergradig immunsupprimierten Patienten können schon banale Infekte bedrohlich werden und damit den Reiseradius noch mehr einschränken. Das zeigt, wie wichtig die individuelle Beratung des Patienten ist!

Steht das Reiseziel dann fest, werden der Impfschutz individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt und die Impfungen geplant. Ebenso erhält der Patient Tipps zum Verhalten am Urlaubsort.

Was darf in der Reiseapotheke nicht fehlen?

Grundsätzlich sollte man alle Medikamente, die man auch zuhause nimmt, einpacken sowie Medikamente gegen Durchfall. Wichtig ist, dass man mit seinem behandelnden Arzt die Wahl der Medikamente und auch die Dosierung bespricht.

Univ. Prof. Dr. Herwig Kollaritsch

Univ. Prof. Dr. Herwig Kollaritsch

Bitte bei der Mitnahme von Medikamenten ins Ausland beachten! Es kann bei Dauermedikamenten sowie einer längeren Reise dazu kommen, dass die Patienten eine größere Menge ihrer Medikamente mitnehmen müssen. Hier ist dann eine schriftliche, in englischer Sprache verfasste Bestätigung des behandelnden Arztes notwendig, da ansonsten beim Zoll Probleme möglich sind.

AT/NEUR/1118/0158 | Titelbild: © redpixel.pl/Shutterstock.com

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