Eine gesunde Ernährung tut der ganzen Familie gut – nicht nur Familienmitgliedern mit MS. Was es beim Einkaufen und Kochen zu beachten gilt, weiß die Diätologin und Ernährungswissenschafterin Mag. Dr. Gabriele Leitner.


Wie sieht eine gesunde Ernährung generell aus?

Eine gesunde und ausgewogene Ernährung ist abwechslungsreich und nach Möglichkeit saisonal und regional. Es geht primär darum, den Bedarf an Energie und allen Nährstoffen, wie Kohlenhydrate, Eiweiß, Fett sowie allen Vitaminen und Mineralstoffen zu decken, um gesund und leistungsfähig zu bleiben. Da meist zu viele tierische Produkte konsumiert werden, sollte der Schwerpunkt bei der Speisenwahl allerdings vermehrt in Richtung pflanzliche Lebensmittel gelenkt werden. Die 10 Regeln der DGE (Deutschen Gesellschaft für Ernährung) aber auch die Österreichische Ernährungspyramide bieten bei der richtigen Wahl der Lebensmittel eine gute Orientierungshilfe.


Wie lautet Ihre Empfehlung bei pflanzlichen Lebensmitteln?

Empfohlen wird Gemüse im Ausmaß von etwa 3 Portionen pro Tag sowie zwei Stück Obst. Wichtig sind auch Getreideprodukte (Brot, Nudeln, Reis und Mehl) – vor allem die Vollkornvarianten. Warum? Weil sie satt machen, Energie liefern und zudem reich an Ballaststoffen und Mikronährstoffen sind. Auch Hülsenfrüchte (z.B. Erbsen, Kichererbsen, Linsen, Bohnen) sind wertvolle Nahrungsmittel, da sie alle wichtigen Nährstoffe sowie einen hohen Protein- und Ballaststoffanteil, hochwertige Fette und Vitamine enthalten.


Wozu raten Sie bei tierischen Lebensmitteln?

Grundsätzlich gilt: Tierische Lebensmittel sollten sparsamer eingesetzt werden. D.h. mageres Fleisch nur 1-2 Mal pro Woche und Fisch so oft wie möglich (mindestens 1-2 Mal pro Woche). Eier 2-3 pro Woche. Milch, Milchprodukte und Käse sind wichtige Kalziumlieferanten und sollten daher täglich auf den Speiseplan. Aber bitte beachten Sie den Fettgehalt! Verwenden Sie fettreiche Milchprodukte (wie Schlagobers, Creme fraiche, Sauerrahm) nur sparsam und genießen Sie die fettreicheren Käsesorten nur in kleinen Mengen.


Was gilt es bei Koch- und Streichfetten zu beachten?

Bevorzugen Sie hochwertige pflanzliche Fette und Öle: beim Kochen Raps- und Olivenöl und in der kalten Küche kaltgepresste Öle wie z.B. Lein-, Hanf-, Nuss- und Leindotteröl. Kokosfett und Palmfett enthalten wie auch die meisten tierischen Fette (mit Ausnahme von Fisch) große Mengen an gesättigten Fettsäuren. Diese haben ungünstige Wirkungen auf die Blutfette und sollten daher weitgehend vermieden werden.

Achtung: Ungünstige Fette verstecken sich zudem vielfach auch in verarbeiteten Lebensmitteln wie Wurst, Gebäck, Süßwaren, Fast-Food und Fertigprodukten.


Wie oft darf man naschen – süß oder salzig?

Naschen soll in einer gesunden Ernährung auch seinen Platz haben. Egal ob süß oder salzig, die Dosis macht das Gift. Süßigkeiten durchaus regelmäßig, aber eben in kleinen Mengen (täglich maximal eine Rippe Schokolade) genießen – wenn möglich nach den Mahlzeiten. Damit lassen sich Heißhungerattacken auf Süßes weitgehend vermeiden. Auch salzige Knabbereien sollte man mit Vorsicht genießen. Zuviel Salz im Essen kann den Blutdruck erhöhen. Grundsätzlich gilt: Salz nur sparsam verwenden; auch beim Kochen. Setzen Sie hier auf mehr Geschmack durch Gewürze und Kräuter.


Wie viel soll man am Tag trinken?

Durchschnittlich soll man – je nach Körpergröße – mindestens 1,5 – 2 Liter Flüssigkeit zu sich nehmen. Getränke mit einem hohen Zuckeranteil sind als Durstlöscher wenig geeignet. Sie sind meist nährstoffarm und enthalten unnötige Kalorien. Mein Tipp: Leitungs- und Mineralwasser sowie ungesüßte Tees oder verdünnte Obst- und Gemüsesäfte (im Verhältnis 1:1). Der Genuss von drei Tassen Kaffee oder Schwarztee pro Tag gilt als unbedenklich.


Welche Zubereitungsart ist empfehlenswert?

Wählen Sie möglichst schonende Zubereitungsarten wie Dünsten oder Dampfgaren und vermeiden sie weitgehend fettreiche Zubereitungsarten wie z.B. Frittieren. Überhitzen Sie Kochfette nicht und kochen Sie Lebensmittel nur so lange wie nötig bzw. so kurz wie möglich in relativ wenig Wasser. So bleiben Geschmack und Nährstoffe der Lebensmittel besser erhalten.


Worauf sollen MS-Patienten in ihrer Ernährung zusätzlich achten?

Grundsätzlich sollten MS-Patienten eine gesunde Ernährung gemäß den beschriebenen Empfehlungen beherzigen; kurzum eine eher vegetarisch ausgerichtete Kost. Gemäß dem Grundsatz: weniger tierische Fette = weniger Entzündungsbotenstoffe. Warum? Weil tierische Fette wie u.a. in Fleisch und Wurst reich an sogenannter Arachidonsäure sind; dabei handelt es sich um eine Fettsäure, aus der im Körper Entzündungsbotenstoffe gebildet werden können.

Auch Eier sind reich an Arachidonsäure. Meine Empfehlung: maximal 2-3 Eier pro Woche. Bitte beachten Sie, dass auch hier Eier hinzugezählt werden, die Sie beim Kochen und Backen verarbeiten.

Obst und Gemüse liefern wertvolle Vitamine, die als Antioxidantien wirksam sind. Sie können entzündliche Prozesse positiv beeinflussen. Eine ausreichende Zufuhr von 5 Portionen Obst und Gemüse pro Tag (ca. 600g) ist daher für MS Betroffene besonders wichtig.

Kennen Sie Ihren Vitamin-D-Status? Vitamin D ist nicht nur am Knochenstoffwechsel beteiligt, sondern auch am Immunsystem und hat zudem einen entzündungshemmenden Effekt. Ich rate jedem Patienten dazu, seinen Vitamin-D-Status erheben zu lassen. Darüber hinaus ist der tägliche Aufenthalt von 15-20 Minuten an der frischen Luft empfehlenswert. Auch empfiehlt es sich, speziell in den Wintermonaten Vitamin D zu supplementieren, allerdings immer in Absprache mit dem behandelnden Arzt.

Bei den häufig auftretenden Symptomen wie Darmträgheit und Verstopfung können Vollkornprodukte, Obst und Gemüse sowie eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr dafür sorgen, den Darm wieder in Schwung zu bringen.

Trinken Sie ausreichend! Eine zu geringe Flüssigkeitszufuhr fördert nicht nur Verstopfung, sondern auch Harnwegsinfekte. Um Harnwegsinfekten entgegen zu wirken, können übrigens Preiselbeeren (in Form von Saft und Kapseln) eine gute Hilfestellung bieten.


An wen kann man sich bei Fragen wenden?

Egal ob es sich um einen frisch diagnostizierten Patienten bzw. um einen Betroffenen in einem fortgeschrittenen Stadium handelt: Wer seine Ernährungsgewohnheiten einmal genauer unter die Lupe nehmen möchte, ist bei Diätologen bestens aufgehoben. Sie beraten und begleiten den Betroffenen. Erstellen gemeinsam mit ihm einen bedarfsgerechten Ernährungsplan und geben Tipps zur praktischen Umsetzung.


Was sollten Angehörige zum Thema wissen?

Mir ist wichtig zu betonen, dass es für MS-Patienten keine spezielle Diät gibt und diese auch nicht erforderlich ist. Ein „Extra-Kochen“ ist nicht notwendig. Vielmehr handelt es sich um eine gesunde Ernährung. Und diese Ernährung tut uns allen gut.

AT/NEUR/11218/0174 | Titelbild: © margouillat photo/Shutterstock.com

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