Hidden MS: Wenn die Blase drückt

von | 11. Januar 2021 | Erkrankung & Therapie

Blasenstörungen

Leidet man unter Funktionsstörungen der Blase, beherrscht die Suche nach der nächsten Toilette schnell den gesamten Alltag. Aber obwohl sie für so viele MS-Betroffene eine große Belastung darstellen, werden Schwierigkeiten mit der Blase oft verheimlicht. Wir möchten dieses Schweigen brechen. 

Ich seh, ich seh, was du nicht siehst

Blasenfunktionsstörungen gehören zu den weniger sichtbaren Symptomen der MS, die dem Umfeld oft gar nicht auffallen. Denn häufig werden sie von Betroffenen still hingenommen, obwohl man in vielen Fällen helfen könnte. Blasenfunktionsstörungen zählen so auch zu der Kategorie der „Hidden MS“-Symptome, die, gerade wegen der geringeren Sichtbarkeit und dem oft stillen Leidensdruck, dringend mehr aus ihrem Versteck hervorgelockt werden sollten. Denn häufig fehlen die nötigen Informationen und der Austausch zu dem Thema. Dadurch wissen viele gar nicht, dass man durchaus etwas gegen diese unangenehmen Symptome unternehmen kann.

Man muss sich nicht schämen, wenn die Blase drückt

Besonders bei Problemen mit der Blase spielt Scham oft eine große Rolle dabei, dass Symptome verschwiegen werden. So ist vielen Betroffenen gar nicht bewusst, dass Störungen bei der Blasenfunktion sogar zu den häufigsten Symptomen zählen, die bei MS auftreten. Falls Sie darunter leiden, sind Sie also ganz gewiss nicht alleine – selbst wenn es sich anfangs vielleicht, aufgrund der Scheu vieler Betroffener über das Tabuthema zu sprechen, so anfühlt. Gerade deshalb ist es so wichtig, die Mauer des Schweigens zu brechen. Denn nur wenn man dieses Thema beim Arztbesuch anspricht, kann man sich die Hilfe holen, die man benötigt. Generell ist Blasenschwäche nicht nur ein Thema bei MS-PatientInnen: Schätzungen zufolge ist jede vierte Frau und jeder zehnte Mann im Leben irgendwann von unfreiwilligem Harnverlust betroffen. Als so häufiges Symptom gehört dieses Thema bei Ärzten und Ärztinnen zum Alltag und man braucht daher keine Scheu davor haben, es anzusprechen.

Schweigen ist Silber, Reden ist Gold

Auffälligkeiten der Blase nicht zu verheimlichen ist auch deshalb besonders wichtig, weil sie ein Zeichen für ein Fortschreiten der Krankheit sein könnten. Ansonsten könnte dieses eventuell unentdeckt bleiben. Mit der Dauer der MS-Erkrankung steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass Blasensymptome auftreten. Die richtige Behandlung bei MS ist aber generell nur möglich, wenn der behandelnde Arzt oder die behandelnde Ärztin wirklich über alle relevanten Symptome informiert ist und so den Fortschritt richtig einschätzen kann.

Erwähnen Sie also folgende Beschwerden unbedingt im ärztlichen Gespräch, falls Sie darunter leiden:

1. Ungewöhnlich häufiger Harndrang
2. Unkontrollierbarer Harnverlust (Harninkontinenz)
3. Das Gefühl, seine Blase nie komplett entleeren zu können (Restharn, Harnverhaltung)
4. Harnwegsinfekte

Nicht auf jeden Topf passt der gleiche Deckel

Je nachdem, wo die Herde der MS-Erkrankung im Nervensystem lokalisiert sind, können unterschiedliche Blasenbeschwerden entstehen, die auch unterschiedliche Behandlungsformen erfordern. Daher ist es so wichtig, dass ein Arzt oder eine Ärztin konsultiert wird, um die richtige Behandlungsmethode im individuellen Fall auszuwählen. So ist zum Beispiel eine andere Therapie erforderlich, wenn die Speicherfunktion der Blase gestört ist (wie bei Harninkontinenz), als wenn die Entleerung der Blase nicht richtig funktioniert (wie bei Harnverhaltung). Am wichtigsten ist aber in jedem Fall, die Symptome nicht zu ignorieren und so früh wie möglich mit einer Behandlung zu starten. Denn unbehandelt können Blasenprobleme zu ernsten Folgeerkrankungen wie Harnwegsinfektionen und Nierenschäden führen. Oft sind bei Auffälligkeiten der Blase auch Probleme mit der Muskulatur die Ursache. In diesem Fall können häufig PhysiotherapeutInnen mit gezielten Übungen wie etwa Beckenbodenmuskel-Training helfen. Ergänzend zu einer passenden Therapie können bei Harninkontinenz auch aufsaugende Hilfsmittel wie Einlagen dazu beitragen, dass man wieder sicherer durch den Alltag gehen kann.

Weniger ist nicht immer mehr

Wer häufig von Harndrang geplagt wird, neigt dazu, weniger zu trinken, um diesen zu vermindern. Diesem Impuls sollte man aber nicht nachgehen, empfiehlt Diätologin und Ernährungswissenschaftlerin Mag. Dr. Gabriele Leitner im Interview. Denn eine zu geringe Flüssigkeitszufuhr kann die Gesundheit schädigen und beispielsweise Verstopfung und Harnwegsinfekte begünstigen. Eineinhalb bis zwei Liter am Tag sind notwendig, damit der Körper alle wichtigen Funktionen passend ausführen kann.

Hilfsangebote

Viele hilfreiche Informationen und Adressen zu dem Thema findet man auch auf der Seite der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich. Beispielsweise sind dort auch ärztliche Beratungsstellen, Kontinenz- und Beckenbodenzentren sowie darauf spezialisierte PhysiotherapeutInnen aufgelistet. Außerdem kann man seine ganz persönlichen Fragen am Beratungstelefon stellen und kostenloses Informationsmaterial anfordern.

Was Sie wissen sollten, falls die Blase drückt – 5 Tipps:

1. Holen Sie bei Blasenproblemen möglichst früh ärztlichen Rat ein.

2. Trinken Sie trotzdem ausreichend. Mindestens eineinhalb bis zwei Liter pro Tag. Verteilen Sie die Menge am besten so, dass Sie kurz vor dem Schlafengehen nichts mehr trinken müssen, um sich in der Nacht den Gang zur Toilette zu ersparen.

3. Suchen Sie vor intimen Begegnungen die Toilette auf.

4. Vermeiden Sie den Konsum von Alkohol, Kaffee und Nikotin. Diese können nämlich harntreibend wirken. Besonders vor Situationen, in denen das hinderlich wäre, lässt man also besser die Finger davon.

5. Preiselbeeren können helfen, Harnwegsinfekten vorzubeugen. Zum Beispiel kann man sie in Form von Saft oder Kapseln regelmäßig vorbeugend zu sich nehmen. Holen Sie aber auch unbedingt ärztlichen Rat ein, falls Harnwegsinfekte öfter auftreten.

 

Quellen:

ÖMSB (Österreichische Multiple Sklerose Bibliothek), 4. Auflage

http://kontinenzgesellschaft.at/

https://www.stark-mit-ms.at/welt-ms-tag-2019-hidden-ms-im-fokus/

https://www.stark-mit-ms.at/faqs/

https://www.stark-mit-ms.at/guten-appetit/

https://www.stark-mit-ms.at/ernaehrung-und-ms-im-gespraech-mit-dr-gabriele-leitner-teil-1-2/

https://www.stark-mit-ms.at/sexuelle-stoerungen-was-tun/

M-AT-00000874 | Titelbild: © sopradit/Adobe Stock

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