Hidden MS: Wenn die Sinne trügen – Neurologin im Interview (Teil 2)

von | 10. Mai 2021 | Bewegung, Erkrankung & Therapie

Blasenstörungen

Viele MS-Betroffene empfinden nicht nur im übertragenen Sinne, dass ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wird: Denn Störungen im Gleichgewicht und in der Empfindung treten bei einem Großteil der Menschen mit MS im Laufe der Erkrankung auf.

Dr. Doris HauerWie sich diese Störungen bei MS äußern können und was die Ursachen dafür sind, hat die Neurologin Frau Dr. Hauer bereits im ersten Teil ihres Interviews erklärt. Doch was kann man tun, wenn man diese Beschwerden bei sich feststellt? Welche Maßnahmen Sie ergreifen können, um wieder verstärkt Herr beziehungsweise Herrin Ihrer Sinne zu werden, verrät uns Dr. Hauer in diesem Teil.

Gibt es bestimmte Warnzeichen, auf die man bezüglich Empfindungs- und Gleichgewichtsstörungen besonders achten sollte?

Um sich nicht unnötig Sorgen zu machen, ist es gut zu wissen: Wenn’s nur mal für einige Minuten wo kribbelt, ist das nicht gleich ein Schub. Man sollte also erst dann wirklich aufmerksam werden, wenn eine Ausfallssymptomatik konstant anhält – also mindestens ein bis zwei Tage dauerhaft vorliegt. Manchmal kann sie sich auch aufbauen: Dann beginnt es zum Beispiel mit einem Kribbeln im Zeh, geht später vom Fuß bis über den Oberschenkel und steigert sich so innerhalb einiger Tage. Das ist ein typisches Merkmal dafür, dass es sich um einen Schub handelt.

Beim Gleichgewicht ist es ähnlich: Empfindet man nur kurz bei einem Lagewechsel Schwindel, ist das nicht gleich ein Warnsymptom. Aber wenn man zum Beispiel beim Gehen über längere Zeit immer bemerkt, dass es einen nach links zieht, ist von einem Schub auszugehen.

Was kann man tun, wenn Empfindungs- und Gleichgewichtsstörungen auftreten?

Wenn sie akut auftreten und die Symptome konstant anhalten, sollte man seinen Neurologen oder seine Neurologin aufsuchen – denn dann ist von einem Schub auszugehen. PatientInnen werden in diesem Fall mit einer Kortison-Stoßtherapie behandelt, damit die akute Entzündungsaktivität rasch gesenkt werden kann und sich die Symptome zurückbilden.

In Folge muss weiter abgeklärt werden, ob es sich bei der Ursache um einen neuen Entzündungsherd handelt, oder um einen alten, der nochmal aufflammt. Wird ein neuer vermutet und schlägt die Therapie nicht gut an, wird zusätzlich ein MRT des Gehirns gemacht, um zu sehen, ob sich tatsächlich ein neuer Herd zeigt.

Es gibt Möglichkeiten, Symptome bei Empfindungsstörungen medikamentös zu behandeln. Zusätzlich werden in seltenen Fällen auch Chili-Pflaster eingesetzt. Diese können schmerzhafte Missempfindungen lindern, indem sie die Nerven überstimulieren und so praktisch deaktivieren.

Bei der Behandlung sind neben der medikamentösen Therapie immer auch die Physiotherapie und die Ergotherapie wichtig, um im Alltag besser mit den Sensibilitäts- und Gleichgewichtsstörungen zurechtzukommen. In Rehabilitationszentren gibt es auch spezielle Gang- und Stand-Analysen, durch die noch gezielter trainiert werden kann. Auch selbstständiges Sensibilitäts- und Gleichgewichtstraining sind extrem wichtig.

Haben Sie Tipps dazu, wie man Fühlen oder Gleichgewicht trainieren kann? 

Bei Sensibilitätsstörungen empfehle ich: Fühlen Sie alles ganz bewusst. Sie können beispielsweise Gegenstände spielerisch ertasten, kalte oder warme Oberflächen und Vibration gezielt spüren. Hier eignen sich zum Beispiel oft auch Kinderspiele gut. So gibt es etwa Steckpuzzles für Kinder, durch die man bewusst Formen fühlen kann. Ich empfehle also allen, die Kinder haben, mit ihnen mitzuspielen.

Für das Gleichgewicht sollte man möglichst die Koordination auch selbstständig üben. Denn hier gilt das Motto: Wer rastet, der rostet. Es ist ganz wichtig, sich bei Gleichgewichtsstörungen nicht in die Angst zurückzuziehen. Denn je mehr Angst PatientInnen haben, desto mehr versteifen sie sich und umso schwieriger ist es, das Gleichgewicht wiederzufinden. Außerdem muss man aufpassen, dass sich durch eine Gleichgewichtsstörung in Folge keine Angststörung festsetzt. Ich empfehle also: Bleiben Sie cool und trauen Sie sich was!

Besonders ein Setting mit einem Therapeuten oder einer Therapeutin sowie bei einer Reha können hierbei helfen, um wieder mehr Sicherheit zu bekommen. Danach sollte man sich auch trauen, Gleichgewicht und Koordination allein weiter zu üben. Denn so schnell passiert nichts und wenn mit Spaß selbstständig geübt wird, bringt das PatientInnen aus meiner Erfahrung extrem viel.

Man kann zum Beispiel das Gleichgewicht trainieren, indem man versucht, sich mit geschlossenen Augen oder auf einem Bein stehend die Zähne zu putzen. Ein gutes Übungsprogramm für zu Hause bekommt man oft auch von TherapeutInnen oder in der Reha an die Hand. Versuchen Sie, dieses möglichst lang durchzuhalten. Auch lohnt es sich, von Zeit zu Zeit wieder einen Physiotherapeuten oder eine Physiotherapeutin aufzusuchen, um die Übungen zu aktualisieren. So weiß man wieder, was man kann und kommt im Alltag besser zurecht.

Was möchten Sie Personen mit Empfindungs- oder Gleichgewichtsstörungen noch mit auf den Weg geben?

Sie sollten wissen: Sehr häufig bilden sich Symptome auch wieder zurück – besonders in der frühen Erkrankungsphase. Wenn die Erkrankung fortgeschritten ist und Störungen vorliegen, empfehle ich: Lenken Sie Ihre Konzentration weniger auf die Einschränkung und mehr darauf, was noch für Sie möglich ist. Wenn man seine Einschränkung kennt und akzeptiert, ist es oft einfacher, damit umzugehen. Machen Sie sich so bewusst, wo wirklich die Einschränkung ist und integrieren Sie diese dann bestmöglich in den Alltag. Insgesamt ist es also wichtig, dass Sie sich etwas trauen und sich eher auf das konzentrieren, was Sie können als auf das, was Sie nicht können!

M-AT-00001290 | Titelbild: ©Narith Thongphasuk38/Adobe Stock

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