Im Gespräch mit Karin Krainz-Kabas von der „MS Gesellschaft Wien“ (Teil 2)

von | 10. August 2020 | Alltag & Beruf

Im 2. Teil unseres Interviews hat uns die Psychotherapeutin und Geschäftsführerin der „Multiple Sklerose Gesellschaft Wien“ Karin Krainz-Kabas erklärt, wie die virtuelle Welt den Umgang mit MS verändert hat, inwiefern die Corona-Krise helfen könnte, den Blick auf die Arbeitswelt zu revolutionieren und was in Krisenzeiten wichtig ist.

 

 

 

1. Merken Sie in Ihrem Arbeitsalltag, dass sich Social Media bzw. die Digitalisierung auf den Umgang mit MS auswirkt? Was sind die Vor- und Nachteile?

Was ich in erster Linie merke ist, dass wir jetzt eine breitere tägliche Verbindung zu unserer Community haben als früher. Ich merke aber auch, dass Social Media eine gewisse Unverbindlichkeit mit sich bringt. Wie bereits im ersten Teil unseres Interviews erwähnt, sind die Mitgliedsbeiträge für die „MS Gesellschaft Wien“ sehr wichtig – digital ist das für viele Menschen allerdings überhaupt kein Thema. Online steht man der Idee, einem Verein beizutreten, eher distanziert gegenüber. 

Social Media und der virtuelle Raum im Allgemeinen bringen aber natürlich auch wunderbare neue Möglichkeiten mit sich. Was wir z. B. merken ist, dass es am Spenden-Sektor neue Möglichkeiten gibt. Geburtstagsspenden und Anlassspenden im Allgemeinen funktionieren über Social Media sehr gut. Ein weiterer positiver Punkt ist, dass wir einander auf diese Weise natürlich auch viel schneller erreichen. Aber wirklich zu sagen „Ich schließe mich jetzt einem Verein an, ich gehe damit eine Verpflichtung ein und leiste auch meinen Mitgliedsbeitrag“ – das ist im Rahmen der Mitgliedschaft im virtuellen Raum kaum gegeben. So kennen wir natürlich unsere Mitglieder, die wir persönlich im Verein haben, wesentlich besser und wissen auch viel mehr von ihnen. Im virtuellen Raum haben wir also ein Mehr an Anzahl aber dieses Mehr ist eben auch viel distanzierter. 

2. Stichwort „Distanz“ : Wie hat sich der persönliche Kontakt zu Ihren Mitgliedern während der Corona-Krise verändert?

Hier hat sich viel Positives getan. Die Krise hat uns neue Möglichkeiten aufgezeigt, wie es auch gehen kann. Wie wir z. B. Menschen erreichen, die nicht in die Turngruppe kommen können. Wir haben drei Turngruppen, von denen eine während des Lockdowns in den virtuellen Raum verlegt wurde – solche Angebote wurden auch sehr gut angenommen. 

Ich sehe diese Digitalisierung des persönlichen Kontakts aber eher als eine Erweiterung des Spektrums, nicht als Ablöse. Es wird quasi ein neuer Raum eröffnet – aber ohne dass ich das Gefühl hätte, dass die Gruppen, die wir schon lange haben, in denen man sich persönlich trifft und dann auch mal gemeinsam etwas trinken geht, dadurch abgelöst werden. Ich sehe die Digitalisierung auch als eine tolle Möglichkeit für Leute, die momentan oder im Allgemeinen nicht so oft das Haus verlassen möchten oder können. Hier die Möglichkeit zu haben, als „MS Gesellschaft“ sagen zu können „Hier gibt es etwas speziell für euch“, ist natürlich toll. Insofern hilft uns die virtuelle Welt sicher auch, Leute an uns zu binden und ihnen somit auch langfristig zur Seite stehen zu können. Das ist natürlich auch eine neue Herausforderung für uns alle, ein neuer Kompetenzbereich, an dem man auch aktiv arbeiten muss. 

3. Zum Thema „Krise“ im Allgemeinen: Was ist Ihrer Meinung nach in schwierigen Lebensphasen besonders wichtig?

In Krisenzeiten, wie wir sie dieses Jahr erlebt haben, ist es in erster Linie hilfreich, sich ein Bild davon zu machen, in welcher Rolle man sich in seinem Leben sieht. Was macht mich aus? Was macht mich zufrieden? Ich habe in letzter Zeit oft Sätze gehört wie „Das war jetzt so ein schönes, ruhiges Leben! Das war herrlich!”. Da denke ich mir: Man hat doch die Freiheit, sich sein Leben so zu gestalten, wie es einem gut tut. Das ist doch bedenklich, dass wir eine Pandemie brauchen, um das zu verstehen. 

Wir sollten uns also bewusst das Leben gönnen, das wir gerne hätten. Ich habe das Gefühl, dass manche Menschen erst jetzt in der Ausnahmesituation gemerkt haben, was ihnen wirklich gut tut. Das heißt aber auch, dass man jetzt daraus lernen muss, diese Bedürfnisse besser wahrzunehmen und vielleicht auch zu sagen „Ich bin gerne viel zuhause und das gönne ich mir jetzt!“ – auch ohne Pandemie. 

Wir können und sollten also aus der Krise mitnehmen, dass wir mehr daran arbeiten müssen, uns selbst besser kennenzulernen, uns zu fragen, was uns eigentlich wichtig ist und welche Rolle wir in der Familie und im Berufsleben spielen wollen. Die Frage ist also „Wie kann ich aus dem, was ich jetzt erlebt habe, etwas Positives machen und in die Zukunft mittragen?“. Diese Punkte gelten jetzt sicherlich für alle Menschen, nicht nur für chronisch kranke. 

4. Die Corona-Krise hat auch den Blick auf die Arbeitswelt verändert: Welche Rolle spielt der Arbeitsalltag bei MS und was muss sich hier ändern?

Arbeit spielt eine enorm große Rolle. Wir sehen tagtäglich, dass die Lebensqualität mit einem Job, also einer sinnvollen Beschäftigung, viel höher ist. Ein Job bedeutet so viel mehr als nur das monatliche Geld am Konto. Er bedeutet Anerkennung, er bedeutet Sinn, er bedeutet soziale Kontakte. Auf der anderen Seite muss man sich aber auch eingestehen können, wenn es nicht mehr ganz so läuft, wie man sich das vorstellt. Bei MS spielt hierbei z. B. die chronische Tagesmüdigkeit eine zentrale Rolle. Darauf muss man Rücksicht nehmen. Das heißt aber keinesfalls, dass man deshalb nicht arbeiten kann. 

In Bezug auf das  „Arbeit und MS“ gibt es seitens der Gesellschaft noch sehr viel zu tun. Manchmal habe ich das Gefühl, wir arbeiten nicht 100 % sondern mindestens 120 %. Und jetzt hat es uns mit der Krise einmal ordentlich zurückgeworfen und wir merken, wie schön „nur“ die 100 % sein können. Aber es ist eben wichtig, dass man auch in den Arbeitsprozess integriert ist, wenn man keine 100 % schafft. Ich glaube dass so ein Umdenken auch einer Gesellschaft im Ganzen gut tut. Mein Wunsch wäre, dass man auch mit einer Teilzeitanstellung gut leben kann und da braucht es Modelle, die es derzeit einfach noch nicht gibt. Viele Menschen sagen „Ein Teilzeitjob wäre fein, aber ich kann davon nicht leben“ . Das muss sich ändern!

5. Könnte die Krise bei dieser Neuorientierung behilflich sein?

Ja, die Krise ist hier vielleicht wirklich eine Chance: Man sieht jetzt beispielsweise, dass das Homeoffice gut funktioniert. Viele Unternehmen haben das jetzt kennengelernt und stufen es auch als praktikabel ein, die Angestellten von daheim aus arbeiten zu lassen. Das könnte auch dabei helfen, dass mehr Menschen mit chronischen Erkrankungen eine Beschäftigung finden. Denn es ist natürlich ein Unterschied, ob ich einen Arbeitsweg habe, ob ich im vollen Büro sitze oder ob es eben beispielsweise ein, zwei Tage in der Woche gibt, wo ich zuhause ganz in Ruhe alles arbeiten kann – ohne Stress im Stau oder in den öffentlichen Verkehrsmittel und vielen Menschen um mich herum. 

Wenn wir über das Thema MS reden und Awareness schaffen wollen, ist es deshalb auch zentral, ArbeitgeberInnen und EntscheidungsträgerInnen zu erreichen. Menschen in diesen Positionen muss klar gemacht werden, dass der Arbeitsalltag auch mit MS funktionieren kann. Man muss sich als ArbeitgeberIn nicht davor fürchten. Es sollte etwas ganz Selbstverständliches sein, dass auch Menschen mit chronischen Erkrankungen beschäftigt werden können. Hier muss man den ArbeitgeberInnen sagen: „Schaut her! So und so kann man die Kompetenzen von Menschen mit chronischen Erkrankungen so gut wie möglich nutzen“. Darum ist es auch so wichtig, Bewusstsein zu schaffen und das Bild der MS in der Gesellschaft zu verändern. 

M-AT-00000499 | Titelbild: © Stark mit MS | Quelle Portrait: MS Gesellschaft Wien

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