Jung und plötzlich MS (Teil 2): Ninas Weg nach der Diagnose

von | 20. September 2021 | Alltag & Beruf

Arbeit und MS

Gerade wenn einen die MS-Diagnose in jungen Jahren trifft, ist die Bewältigung besonders herausfordernd. Doch Nina hat diese Herausforderung angenommen: Im Interview erzählt sie uns, wie ihr das gelungen ist und berichtet von ihrem Weg nach der Diagnose.

Im ersten Teil des Interviews hat uns Nina S. bereits verraten, wie sie die Zeit der Diagnose als 17 Jährige erlebt hat. Doch was hat sich in den vergangenen 5 Jahren seit dem für sie verändert? Auf welche Weise Nina gelernt hat, besser mit der MS umzugehen, erzählt sie uns hier.

Was hat dir dabei geholfen, mit der MS-Diagnose umzugehen?

Da nach meinem ersten Schub eine lange Pause war, konnte ich mich mehr oder weniger in Ruhe mit dem Thema auseinandersetzen. Das war hilfreich, weil es mir zeigte, dass die MS nicht immer in Erscheinung tritt. Generell würde ich aber sagen, dass ich mir viel selbst geholfen habe: Ich habe mich zum Beispiel viel über die MS informiert. Hier war etwa die österreichische MS-Gesellschaft sehr hilfreich. Als der nächste Schub kam, war ich dadurch schon eher gefasst.

Die Zeit nach der Diagnose war insgesamt wirklich belastend: Ich war im Maturajahr, durchlebte selbst eine Trennung und im Jahr darauf kam noch die Trennung meiner Eltern hinzu. Zum Glück ist es mir aber trotz der schwierigen Situation gelungen, mein Maturajahr gut hinter mich zu bringen. So konnte ich mir selbst beweisen, dass ich auch mit der MS einiges schaffen kann. Das hat mich sehr gestärkt.

Also würdest du sagen, dass du durch die Beschäftigung mit der MS innerlich auf eine gewisse Art gewachsen bist?

Ja – ich musste quasi von einem Tag auf den anderen total schnell erwachsen werden. Denn ich war ja bei der Diagnose erst 17 Jahre alt und plötzlich haben sich automatisch essenzielle Fragen gestellt wie: Kann ich irgendwann überhaupt Kinder haben? Das hat mich davor gar nicht interessiert, weil das Thema noch Jahre entfernt schien, aber so war es auf einmal ein präsentes Thema. Das hat mich schon persönlich weitergebracht.

Hast du dich dann mit dem Thema Kinderwunsch noch weiter befasst?

Es war dann zum Glück schnell klar, dass es nur mit der Diagnose MS – ohne Medikamente mit einzubeziehen – überhaupt kein Problem ist, Kinder zu bekommen. Aufgrund der aktuellen Therapie, musste ich mich schon noch einmal mit dem Thema befassen – denn wenn ich schwanger werden möchte, sollte ich zuvor mehrere Monate lang die Medikation pausieren. Das muss man also im Hinterkopf behalten. Aber mittlerweile ist es für mich total normal, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Also hast du generell das Gefühl, dass du dir durch die MS auch zum Teil essenziellere Fragen gestellt hast?

Ja – man muss sich durch die MS früher mit einigen Fragen auseinandersetzen. So habe ich mich zum Beispiel auch gefragt: Was passiert, wenn ich einmal einen schlimmen Schub habe und eine Zeit lang sehr eingeschränkt bin – also weder studieren, noch arbeiten kann und vielleicht nicht mehr mobil bin? Wer würde sich um mich kümmern? Über solche Fragen zum Thema Pflege machen sich gesunde Gleichaltrige überhaupt keine Gedanken, aber das gehört halt jetzt dazu. Zum Glück weiß ich aber, dass ich hier im Notfall auf meine Eltern zählen könnte.

Wie ist dein Weg mit der MS nach der Diagnose gesundheitlich weitergegangen, also was für Beschwerden hattest du?

In den fünf Jahren seit meiner Diagnose habe ich circa 15 Schübe durchgemacht. Oft hatte ich dabei Sensibilitätsstörungen – zum Beispiel ein Taubheitsgefühl der Hautoberfläche an verschiedenen Körperstellen. Auch eine MS-bedingte Sehnerventzündung ist bereits aufgetreten.

Von einem Schub nach einer grippalen Infektion sind mir kleine motorische Einschränkungen am Arm und Bein geblieben, die aber nur zeitweise vorhanden sind. Daher bin ich an manchen Tagen beispielsweise beim Schreiben oder Kochen etwas eingeschränkt und die Balance fällt mir nicht immer leicht. Im Alltag habe ich außerdem öfter Konzentrationsschwierigkeiten beziehungsweise Fatigue. Aktuell bin ich unter medikamentöser Behandlung und das funktioniert sehr gut – also ich habe kaum Nebenwirkungen.

Auch wenn du dich gegen ein Sportstudium entschieden hast – ist Sport trotzdem ein fixer Bestandteil in deinem Leben geblieben?

Ja – es macht mir Spaß, verschiedenste Sportarten auszuprobieren. Ich bin etwa viel in den Bergen unterwegs: beim Schifahren, auf Schitouren, beim Klettern oder Wandern. Hin und wieder mache ich auch Yoga. Generell ist Sport für mich extrem wichtig und hat einen ganz hohen Stellenwert in meinem Leben. Er hilft mir dabei, mich mit meinem Körper zu verbinden und gibt mir die Bestätigung: Ich kann auch mit der MS noch etwas erreichen.

Natürlich ist aber nicht jeder Tag gleich. An manchen Tagen macht es mir zum Beispiel nichts aus, stundenlang wandern zu gehen. An anderen Tagen funktioniert dann mal gar nichts. Da ist dann vielleicht ein Spaziergang die Sporteinheit des Tages. Ich kann also vielleicht nicht immer dieselben Dinge wie Gleichaltrige machen, sondern muss wirklich gut auf meinen Körper hören. Man darf mit MS nicht davor zurückschrecken, einen Gang herunter zu schalten.

Kannst du sonst noch etwas Positives aus deiner Erfahrung mit der MS mitnehmen?

Insgesamt gehe ich auch gestärkt aus der Zeit der Diagnose hervor: Denn obwohl die damalige Situation so schwierig war, habe ich sie überstanden und heute geht es mir soweit gut. Das hat mir gezeigt, dass ich alles überwinden kann. So fühle ich mich seitdem mehr oder weniger unzerstörbar und habe immer im Hinterkopf: Auch wenn viel Herausforderndes passiert – ich schaffe das.

Ausblick:
Sind Sie neugierig, was Nina noch besonders im Umgang mit der MS geholfen hat und wie die Erkrankung ihre Partnerschaft beeinflusst? In zukünftigen Artikeln erfahren Sie noch mehr über Ninas Leben mit der MS.

M-AT-00001546 | Titelbild: © kieferpix/Adobe Stock

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