Lockerungen statt Lockdown: Was MS-Betroffene mitnehmen können

von | 14. Juni 2021 | Alltag & Beruf

Blasenstörungen

Ramona RosenthalIn der letzten Zeit hat sich der Alltag der meisten Menschen durch die Corona-Pandemie stark verändert. Nun stehen weitere Öffnungsschritte vor der Türe und das öffentliche Leben blüht wieder auf. Eine gute Zeit Resümee zu ziehen: Was hat sich im letzten Jahr für Menschen mit MS verändert und was kann man daraus mitnehmen? Ramona Rosenthal, Leiterin des MS-Tageszentrums der CS Caritas Socialis, blickt zurück und gibt uns im Interview Tipps, um einen guten Start in die Zeit der Lockerungen zu ermöglichen.

Die letzte Zeit der Lockdowns hat gesellschaftlich viel verändert. Denken Sie, dass sie auch ein gewisses Umdenken bezüglich MS bewirkt hat?

Ich glaube, wir Menschen ohne MS haben in dieser Zeit eventuell ein bisschen in das Gefühl hineinschnuppern müssen, das Menschen mit MS zum Teil haben – etwa dieses Gefühl, dass vieles unsicher ist. Wir haben auch mal erfahren: Wie ist das, wenn ich heute nicht weiß, was morgen ist, ob ich dann noch rausgehen oder jemanden besuchen kann?

Dabei konnten Menschen ohne MS auch etwas von Betroffenen lernen: Etwa diesen permanenten Anpassungsprozess und auch die Trauerarbeit, die nötig ist, falls Verluste auftreten wie etwa der Verlust von Fähigkeiten, Kontakten oder der Arbeit. Ich glaub, dass es Betroffenen gut tut, dass nicht immer nur erwartet wird, dass sie etwas lernen, sondern dass wir hierbei auch von ihnen lernen können. Ich habe die Hoffnung, dass so mehr Verständnis in der allgemeinen Bevölkerung für Menschen mit MS entsteht, da so deren Situation nachvollziehbarer wird.

Was haben Sie persönlich aus der Situation der letzten Zeit gelernt?

Ich persönlich habe zum Beispiel in der Zeit, in der das MS-Tageszentrum geschlossen war, gelernt, dass ich gut ohne Arbeit zurechtkomme und auch so ein wertvolles Leben führen kann. Meine persönliche Erkenntnis war also: Ich bin mehr als die Leitung des Tageszentrums – mehr als mein Beruf. Auch bei vielen MS-Betroffenen kommt dieses Thema irgendwann auf und einige stellen sich die Frage: Was passiert, wenn ich meinen Job nicht mehr ausüben kann? Die letzte Zeit bot Gelegenheit, in sich zu gehen und sich zu erlauben, festzustellen, dass es genügt man selbst zu sein. Also ich mit meinen Stärken, mit meinen Erfolgen, Errungenschaften und natürlich auch mit meinen Schwächen.

Es wäre ideal, wenn man sich auch mit den Schwächen irgendwann anfreunden könnte, weil es gesünder ist, dazu zu stehen, als sie zu bekämpfen. Ich kenne so viele PatientInnen, die gegen die MS kämpfen und dieser Kampf kostet Energie und ermüdet. Wichtig ist die Annahme dessen, was ist und daraus das Beste zu machen. Ich weiß, das ist leicht gesprochen und ein hehres Ziel. Trotzdem bin ich der Meinung, dass es möglich ist, so eine Einstellung auch zu lernen.

Diese Einstellung wäre ja auch in der aktuellen Zeit nützlich, oder?

Genau, auch jetzt ist es hilfreich zu hinterfragen: Was liegt in meinem Einfluss? Denn da kann man wirklich handeln und daran arbeiten. Da ist man nicht machtlos, sondern mächtig, kann also etwas bewirken. Auch ist es wichtig, die Dinge, die man nicht beeinflussen kann, zu erkennen und bei diesen nachzugeben, also sie loszulassen, da der Einfluss, den man darauf nehmen kann, gering ist. Versucht man dagegen anzukämpfen, endet das nur in negativen Gefühlen wie Wut, Ärger und Ohnmacht, die auch das eigene Bild von der Welt negativ beeinflussen.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihre KlientInnen etwas aus der letzten Zeit mitnehmen können?

Im Gespräch mit unseren KlientInnen ist mir aufgefallen, dass sie noch mehr erkannt haben, was sie selber für sich tun können und über welche Ressourcen sie verfügen. Denn sie waren ja auf sich gestellt, nachdem die sonst gewohnte Unterstützung etwa durch ÄrztInnen und TherapeutInnen für eine Zeit weggefallen ist. Da waren sie auf das angewiesen, was sie bereits in sich haben: ihr Wissen und ihre Erfahrungen. Das hat ihnen die Gelegenheit gegeben, ihre Resilienz, also die innere Widerstandskraft, zu erkennen und zu stärken.

Einige haben sich etwa selbst neue Routinen geschaffen und zum Beispiel ein tägliches Sportprogramm in den Alltag integriert. So haben sie gemerkt, dass sie auch daheim alleine ganz gut zurechtkommen können. Mit diesem Wissen fällt es leichter, der Zukunft gestärkt entgegenzutreten. Viele KlientInnen haben also glaube ich erkannt, was sie alles in ihrem eigenen Werkzeugkoffer haben und vielleicht auch, was ihnen noch fehlt, um das jetzt zu ergänzen.

Die Krise hat also auch Positives gebracht. Sind daraus noch weitere interessante, neue Dinge entstanden?

Ja, ich empfinde zum Beispiel die vielen Online-Tools, die entstanden sind, als positive Entwicklung. Momentan sind ja schon diverse im Umlauf von denen auch Menschen mit MS profitieren können, wie zum Beispiel Online-Workshops. An diesen kann man von vielen Orten aus teilnehmen und man muss nicht so weit fahren, um Informationen zu bekommen. Das ist besonders für Menschen mit MS eine große Erleichterung, wenn sie beispielsweise mal aufgrund von Beschwerden nicht so mobil sind. Ich glaube diese Online-Tools werden sich in der Zukunft etablieren.

Nun ist ja die Zeit der Lockerungen von Corona-Bestimmungen gekommen. Haben Sie Tipps dazu, wie Menschen mit MS in dieser Zeit besser zurechtkommen können?

Ich glaube, viele haben noch Angst und sind zurückhaltend, da vieles noch immer unklar ist. Etwa stellen sich noch einige die Frage: Darf ich mich impfen lassen oder ist das ein gesundheitliches Risiko für mich? Wir konnten diese Fragen mit unsere KlientInnen im Tageszentrum ausführlich besprechen und gut über dieses Thema aufklären. Ich glaube aber, auch für die Menschen, die nicht in so einer Einrichtung sind, wäre es wichtig, eine sichere Anlaufstelle für Fragen und Informationen zu haben. Dabei sind die MS-Gesellschaften sowie NeurologInnen gute Quellen. Zusätzlich ist es aber auch wichtig, dass es weitere Informationsplattformen für Menschen mit MS gibt, wo man auch Informationen einholen kann, falls man kein Mitglied bei der MS-Gesellschaft ist.

So eine Plattform bieten wir ja beispielsweise mit „Stark mit MS“.

Genau. Zusätzlich ist es wichtig, dass sich Menschen mit MS auch untereinander über die aktuelle Situation und Fragen dazu austauschen. In unserem Tageszentrum passiert das automatisch, aber ich würde auch allen anderen Menschen mit MS empfehlen, sich untereinander zu vernetzen. So kann man zusammen ein Wissensmanagement betreiben.

M-AT-00001370 | Titelbild: ©methaphum/Adobe Stock

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