Psychische Gesundheit und MS: Selbstfürsorge und bewusste Entspannung

von | 2. November 2020 | Erkrankung & Therapie

Psychische Gesundheit und MS

Die Psyche spielt bei der Verarbeitung der Diagnose MS und einem guten Leben mit der Erkrankung eine entscheidende Rolle. Glücklicherweise gewinnt das Thema „psychische Gesundheit“ allgemein immer mehr an Bedeutung. Zwei ExpertInnen auf dem Gebiet haben uns erklärt, wie man aus dem emotionalen „Alarmmodus“ findet, warum bewusste Entspannung vor allem für Menschen mit MS so wichtig ist und wie sie gelingt.

Multiple Sklerose und Psyche

Bei allen chronischen Erkrankungen, aber insbesondere bei MS spielen die psychische und die kognitive Komponente eine große Rolle. Nicht nur weil die Symptome der „Krankheit der 1000 Gesichter“ und deren Verlauf von Mensch zu Mensch stark variieren, sondern auch weil zwischen 40% und 60% aller Betroffenen im Laufe ihres Lebens mit kognitiven Einschränkungen zu kämpfen haben. Diese können zu einer enormen psychischen Belastung werden. Viele Betroffene haben demnach mehr oder weniger ausgeprägte Probleme – das Erinnerungsvermögen und die Aufmerksamkeitsspanne weisen am häufigsten Defizite auf. Aber auch Wortfindungsstörungen und Probleme mit der motorischen Koordination können auftreten. Nicht selten sind außerdem Fatigue und Depressionen mitverantwortlich für eine Verschlechterung der kognitiven Fähigkeiten. Entspannungs- und Fokussierungs-Methoden können helfen, den Folgen des kognitiven Abbaus entgegenzuwirken, die Gehirnleistung zu steigern und besser mit depressiven Verstimmungen umzugehen. Abgesehen von kognitiven Problemen und deren Auswirkungen auf die seelische Gesundheit, kann auch emotionaler Stress im alltäglichen Leben negative Effekte auf Psyche und Körper und damit auch auf den Krankheitsverlauf haben. 

Regel Nummer 1 für seelisches Wohlbefinden: Emotionalen Stress reduzieren

Psychisches Unwohlsein, Depressionen und Co. gehen nicht selten mit erhöhtem emotionalen Stress einher. Dr. Natasha Tesar-Pelz, klinische Psychologin mit Spezialgebiet Neuropsychologie und Psychotherapeutin, die sich schon seit vielen Jahren mit MS beschäftigt, hat uns in ihrem Facebook Live-Vortrag zum Welt MS Tag 2020 erklärt, was bei Stress im Körper passiert: „Durch erhöhten emotionalen Stress werden Hormone wie Adrenalin und Cortisol vermehrt ausgeschüttet, der Blutdruck steigt, die Muskeln verspannen sich und der Muskeltonus nimmt zu. So ein Alarmzustand, der längere Zeit andauert, kann Ängste, Depressionen und Erschöpfung hervorrufen. Außerdem schwächt chronischer Stress das Immunsystem nachweislich. Bei MS kann er Entzündungsprozesse beeinflussen und sich somit negativ auf den gesamten Krankheitsverlauf auswirken.“ 

Selbstfürsorge und Stressreduktion sind folglich vor allem für Menschen mit MS ein Muss. Nicht nur während der Corona-Krisenzeit, sondern immer. Um zu lernen, besser mit emotionalem Stress umzugehen, muss man einen Schritt nach dem anderen tun. Dr. Richard Gaugeler, Facharzt für Innere Medizin, Psychosomatische Medizin und Psychotherapeutische Medizin, hat uns hilfreiche Tipps gegeben, wie die ersten Schritte in Richtung bewusste Entspannung und Achtsamkeit im Umgang mit dem eigenen Körper gelingen.

Entspannung heißt: „Aus dem Alarmmodus finden“

Dr. Gaugeler hat im Zuge unserer Facebook Live Kampagne zum Welt MS Tag 2020 erläutert, wie man in schwierigen Lebensphasen leichter aus dem „Alarmmodus“ findet. Hierbei spielt es keine Rolle, ob es sich um den Krisenmodus handelt, in dem sich viele Menschen derzeit aufgrund der Corona-Pandemie befinden, oder ob man aus anderen Gründen, die Stress, Sorgen und Ängste verursachen, wieder in einen entspannten Zustand zurückfinden will. 

Dr. Gaugeler hat hierfür vier Techniken vorgestellt: Spannung, Atmung, Bewegung und Rhythmus. Mithilfe dieser Tools können wir lernen, „Spannungszustände zu erkennen und diese selbst zu lösen“, um mehr Energie für alltägliche Herausforderungen zu haben. Besonders Menschen mit MS brauchen diese Energie, „um sich auf die Grundpfeiler eines guten Umgangs mit der Erkrankung konzentrieren zu können: Gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und regelmäßige ärztliche Kontrollen bzw. frühzeitige therapeutische Interventionen“, erklärt Dr. Gaugeler. Er hat die vier Methoden zur Entspannung für uns zusammengefasst: 

1. Spannung

Erspüren Sie Ihren Muskelzustand. Zum Beispiel am Oberschenkel oder in der Nackenmuskulatur. Ist Ihr Muskel beweglich oder hart? Ist der Schultergürtel frei oder verspannt? Ist die Kiefermuskulatur angespannt oder starr? Versuchen Sie nun, bewusst Muskel für Muskel lockerzulassen.

2. Atmung

Nun beobachten Sie Ihre Atmung. Atmen Sie kurz- oder langatmig? Geben Sie Ihrer Lunge viel Platz oder atmen Sie eher oberflächlich? Fokussieren Sie sich nun ganz auf die Atmung und geben Sie jedem Atemzug genügend Raum und Zeit.

3. Bewegung

Beobachten Sie Ihren Bewegungsstatus: Wie sind Ihre Bewegungen? Wie waren sie die letzten fünf Minuten? Sitzen Sie stocksteif in einem Sessel oder gibt es auch immer wieder Bewegungswechsel? Wenn Sie jetzt aufstehen, zum Fenster gehen und ein paar Mal tief ein- und ausatmen, wird Ihre Atmung ruhiger und Ihre Muskulatur lockerer werden.

4. Rhythmus

Kennen Sie Ihren Rhythmus? Und welchen Rhythmus haben Sie jetzt gerade? Ein gutes Beispiel hierfür ist das Bergsteigen, wo man oft sehr angestrengt bergauf geht, wo das Atmen schwieriger wird und die Luft weg bleibt. Hier stellt sich z.B. ein ganz eigener Rhythmus ein. Dieser setzt sich aus der Bewegung, der Atmung, der Schrittfolge und dem Herzschlag zusammen. Wissen Sie, welcher Rhythmus, welche Musik Sie in Aktivität bringt? Welche Sie beruhigt? Nutzen Sie dieses Wissen. Sich immer wieder selbst zu fragen „Welchen Rhythmus brauche ich jetzt? Und schaffe ich es, diesen zu finden und damit zu spielen?“ kann sehr hilfreich sein. So kann man seinen seelischen Zustand durch Rhythmen selbst steuern.

Fazit: Jeder Mensch kann durch bewusste Entspannung aktiv Einfluss auf psychische und körperliche Prozesse nehmen und folglich auch Krankheitsverläufe positiv beeinflussen. Neben bewusster Entspannung, Selbstfürsorge und Achtsamkeit spielt außerdem die Akzeptanz bei der Verarbeitung der Diagnose MS und einem guten Leben mit der Erkrankung eine entscheidende Rolle. Wie Sie Akzeptanz und Glücklichsein tagtäglich trainieren können, erfahren Sie in unserem Interview mit Glückstrainerin und Mental Coach Katharina Mühl

M-AT-00000661 | Titelbild: © DedMityay

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