Wie findet man zu einem guten Umgang mit der MS? Diese Frage können wohl am besten Betroffene selbst beantworten. Nina und Schirin verraten uns deshalb hier, was ihnen am meisten dabei geholfen hat.

Im ersten Teil dieser Artikelreihe haben Schirin G. und Nina S. bereits Ratschläge dazu gegeben, was man im Alltag tun kann, um möglichst gut mit der MS zu leben. In diesem Teil geht es um die inneren Werte – hier finden Sie Ninas und Schirins Tipps für einen guten Umgang mit der Erkrankung:

1. Nehmen Sie die MS an

Schirin hat erkannt: „Ich glaube, die erste Phase ist immer die Annahme. Weil sonst arbeitet man immer gegen seinen eigenen Körper und führt tagtäglich einen Kampf mit sich selbst, der einem nicht guttut.“ 

Um die MS besser annehmen zu können, hat Schirin eine individuelle Strategie entwickelt: „Ich bezeichne die MS gerne als eigenständige Person – wie eine Freundin, mit der man verschmolzen ist. Wenn du andauernd gegen deine Freunde kämpfst, dann schlagen sie natürlich zurück. Also wenn ich andauernd gegen die MS ankämpfe, dann schlägt sie natürlich auch zurück. Wenn wir aber beide versuchen, im Einklang miteinander zu leben, dann tut das der MS gut und mir auch.“ 

2. Haben Sie Geduld mit Ihrem Körper und achten Sie gut auf ihn

Geht es einem im Moment schlecht, möchte man natürlich, dass alles so bald wie möglich wieder besser wird. Schirin meint dazu: „Ein bedeutsamer Schritt war für mich, zu lernen, mich nicht so unter Druck zu setzen.“ Was dabei hilft, weiß Nina: „Ich würde sagen, sich in Geduld üben ist wirklich extrem wichtig bei MS. Denn wenn Symptome erneut aufflackern, braucht es einfach Zeit, bis sie wieder vergehen.“

Schirin rät außerdem: „Man sollte sich viel mehr mit dem eigenen Körper befassen. Weil der Körper sagt dir, was er braucht – was ihm gut und was ihm schlecht tut. Auf das sollte man auf jeden Fall hören.“ 

Auch Nina hat erkannt, wie wichtig es ist, auf Warnsignale des Körpers zu achten. Durch die MS hat sie gelernt, schneller zu merken, wenn sie kurz davor ist, sich zu überlasten und rechtzeitig die Reißleine zu ziehen. Bedeutend ist ihrer Meinung nach auch, herauszufinden, was persönliche Triggerfaktoren sind. Bei vielen ist das zum Beispiel Stress, aber bei Nina führt etwa auch Hunger zu einer Verschlechterung ihrer Koordination. Wenn man seine Triggerfaktoren kennt, kann man besser reagieren und vorbeugen.

3. Gönnen Sie sich Auszeiten

Das ist mit einer chronischen Erkrankung wie der MS besonders essenziell, da sich Stress negativ auf den Verlauf auswirken kann. „Ich merke, dass es wirklich wichtig für mich ist, dass ich mir immer wieder Auszeiten nehme und mir diese auch gönne. Ich brauche diese Zeit, in der ich nur für mich sein kann. Das bewirkt bei mir eine innere Ruhe und Ausgeglichenheit, die denke ich generell im Umgang mit der MS sehr wichtig ist“, meint Schirin. 

4. Entdecken Sie, wo Sie sich Kraft holen können

Nina rät: „Man sollte versuchen, Strategien für sich zu finden, mit denen man sich selbst ein bisschen erden kann und durch die man seine eigene Gesellschaft genießen kann.“ Wenn es ihr an einem Tag wirklich schlecht geht, hat sie immer einen Backup-Plan: „Ich habe das mittlerweile schon total automatisiert: Wenn gar nichts funktioniert, dann mache ich ein Puzzle. Also ich tue etwas. Ich puzzle total gerne. Ich höre dabei gute Musik und dann muss ich mich auf gar nichts konzentrieren – das hilft total gut.“ Jeder kann hier natürlich andere Dinge finden, die in diesen Momenten guttun. Schirin entspannt sich zum Beispiel besonders gut beim Meditieren und in der Natur.

5. Arbeiten Sie an einer positiven Einstellung

Das ist natürlich leichter gesagt als getan – besonders wenn man aufgrund der MS gerade an schweren Symptomen leidet. Aber dennoch sagt Schirin aus eigener Erfahrung: „Das Mindset kann sehr viel beeinflussen.“ Besonders anfangs fühlt man sich der Erkrankung oft hilflos ausgeliefert, aber Schirin rät, keinesfalls zu resignieren: „Man kann wirklich noch so viel selber in die Hand nehmen – auch bei sehr schweren Verläufen. Ich weiß es – ich wäre fast im Rollstuhl gelandet. Ich habe sehr stark versucht, dem entgegenzuwirken. Es kommt halt meistens auch auf die Einstellung an und das Leben hört nicht auf. Es wird alles ein bisschen anders und vielleicht ein bisschen schwieriger, aber es hört definitiv nicht auf.“

Schirins Einstellung ist: „Man kann Dinge schwarz oder weiß sehen und man muss sich selbst dazu entscheiden, wie man sie sehen will. Natürlich passiert auch viel Negatives, aber man kann sich entscheiden – ärger ich mich darüber jetzt tagelang oder versuche ich etwas Positives aus dem Ganzen zu ziehen und daran zu wachsen? Das probiere ich immer. Es gelingt mir zwar auch nicht jedes Mal, aber man muss es einfach versuchen. Es gibt immer zwei Seiten und die sonnigere ist die bessere!“

6. Definieren Sie sich nicht über die Erkrankung

Eine Erkrankung wie die MS kann viele Lebensbereiche stark beeinflussen – schnell kann es so passieren, dass sich alles nur noch um die MS dreht. Aber man sollte dabei auf keinen Fall andere Lebensbereiche, die einem wichtig sind, aus den Augen verlieren.

Nina meint: „Die MS hat zwar Platz – ich habe sie als Teil von mir akzeptiert, aber sie muss nicht immer da sein, sondern kann auch mal zur Seite geschoben werden.“ Man ist schließlich noch viel mehr: Ob Elternteil, PartnerIn oder FreundIn – auch dafür muss Platz sein.

Was Schirin anderen Betroffenen unbedingt mitgeben möchte: „Wir sind erkrankt, aber die Erkrankung definiert uns nicht. Ein Mensch mag dich oder mag dich nicht. Nicht weil du krank bist – sondern wegen deiner Persönlichkeit, deiner Ausstrahlung oder weil du liebenswert bist. Die Krankheit ist ein Teil von uns und wir müssen sie akzeptieren, aber wir dürfen uns nicht darüber definieren. Weil man kann trotz allem noch ganz viele tolle Sachen im Leben erreichen und neue Menschen kennenlernen. Das hängt alles nicht mit der Krankheit zusammen, sondern mit der eigenen Einstellung.“

7. Suchen Sie sich bei Bedarf psychologische Unterstützung

Wenn es Ihnen alleine schwer fällt, einen guten Umgang mit der MS zu finden, schrecken Sie nicht davor zurück, sich professionelle Hilfe von PsychologInnen oder PsychotherapeutInnen zu holen.

Schirins Fazit: „Wir wissen ja selber, was uns guttut und dass wir manchmal Dinge tun, die uns nicht guttun. Versuchen Sie also, die schlechten Dinge auszusortieren und die guten im Auge zu behalten und trauen Sie sich selber einfach viel mehr zu.“

M-AT-00002019| Titelbild: ©Syda Productions/Adobe Stock

Login