Julia Hofmann

Julia Hofmann, BSc

Bianca Nestler

Bianca Nestler, BSc

Immer mehr Menschen entscheiden sich für eine vegetarische oder vegane Ernährung. Doch ist es für Menschen mit MS empfehlenswert, auf Fleisch und andere tierische Produkte zu verzichten? Und wie lässt sich eine vegetarische oder vegane Ernährung gesund gestalten?

Diese Fragen beantworten uns Julia Hofmann und Bianca Nestler in diesem Artikel. Sie sind als Diätologinnen an der Klinik Pirawarth tätig und beraten dort MS-PatientInnen zum Thema Ernährung.

Tierische Produkte reduzieren bei MS?

Unsere Ernährung hat einen großen Einfluss auf unser körperliches Wohlbefinden sowie unsere Gesundheit. So kann die Auswahl der Lebensmittel, die wir essen, auch für den Verlauf der MS eine wichtige Rolle spielen: „Grundsätzlich ist es bei MS wichtig, die Arachidonsäure, eine entzündungsfördernde Fettsäure, möglichst zu reduzieren. Denn durch diese können vermehrt Entzündungsbotenstoffe im Körper gebildet werden und das kann sich negativ auf die MS auswirken, was die Schubhäufigkeit, -dauer und -intensität betrifft. Die Arachidonsäure steckt nur in tierischen Produkten. Deswegen ist eine vegetarische Ernährung – vor allem eine ovo-lacto-vegetarische Ernährung, wo Eier und auch Milchprodukte mit dabei sein dürfen – durchaus empfehlenswert“, erklärt Frau Hofmann.

Bei einer gesund gestalteten vegetarischen und veganen Ernährung werden laut der Diätologin also meist weniger Entzündungsbotenstoffe im Körper produziert. Das kann bewirken, dass weniger Schübe auftreten, sie kürzer andauern und dass die Folgen weniger stark ausgeprägt sind, so Frau Hofmann.

Auf das WIE kommt es an!

Es ist jedoch auch stark davon abhängig, wie man die Ernährung genau gestaltet: Denn eine Ernährungsform ist nicht automatisch gesünder, wenn mehr tierische Produkte weggelassen werden, geben die Diätologinnen zu bedenken. Wird wie bei der veganen Ernährung nicht nur auf Fleisch, sondern auch auf andere tierische Produkte wie Eier und Milch verzichtet, muss man speziell darauf achten, dem Körper dennoch alle wichtigen Nährstoffe zur Verfügung zu stellen. So steckt beispielsweise Vitamin B12 hauptsächlich in tierischen Produkten und auch der Kalziumbedarf ist mit einer rein pflanzlichen Ernährung nicht automatisch leicht zu decken.

„Je einschränkender in der Lebensmittelauswahl eine Ernährungsform ist, desto größer ist auch das Risiko, dass Mangelerscheinungen auftreten können und schlimmstenfalls das Schubverhalten negativ beeinflusst wird“, so Frau Nestler. Besonders bei einer veganen Ernährung sei daher eine intensivere Planung des Speiseplans notwendig, um sie gesund zu gestalten. 

Essen nach Plan

Aber wie gestaltet man einen bedarfsdeckenden Speiseplan nun richtig, wenn man sich gerne vegan ernähren möchte? „Ich würde unbedingt empfehlen, für den Beginn mal eine diätologische Beratung in Anspruch zu nehmen, um die Ernährung gemeinsam zu planen und zu erfahren: Wo liegt der Bedarf? Welche Nährstoffe sind kritisch?“, rät Frau Hofmann. Für sie ist die vegane Ernährung auch mit MS durchaus eine Option, sofern sie anfangs gut durchgeplant wird.

Vegetarisch ist nicht automatisch gesund

Schlechte Nachricht an alle Puddingvegetarier: Auch nicht jede vegetarische Ernährung ist automatisch gesund – hier kommt es ebenfalls auf die Auswahl der richtigen Lebensmittel an. Bei einer vegetarischen oder veganen Ernährung gelten genauso die goldenen Grundregeln einer gesunden Ernährung.

Die Diätologinnen raten daher:

  1. Reduzieren Sie Fertigprodukte und Süßspeisen.
  2. Kochen Sie stattdessen möglichst selber.
  3. Kaufen Sie mehr natürliche und unverarbeitete Lebensmittel ein – wie beispielsweise Obst, Gemüse und Vollkorngetreide.
  4. Essen Sie eher regional und saisonal verfügbare Lebensmittel – bei längeren Transportwegen gehen nämlich wertvolle Inhaltsstoffe verloren.
  5. Gestalten Sie Ihren Speiseplan möglichst vielfältig.

Wie Sie Ihre Ernährung bei MS generell gesund gestalten können, erfahren Sie in unseren Artikeln zum Thema „Ernährung & MS“ sowie in unserem eBook „Guten Appetit!“. Dort gibt’s außerdem leckere Rezepte und weitere Tipps für einen bewussten Speiseplan.

Soja – Trendsetter der pflanzlichen Ersatzprodukte

Ein großer Trend bei der pflanzlichen Ernährung sind Soja-Produkte. Auch hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen, denn viele Sojaprodukte haben ebenfalls einen weiten Transportweg. Aber „es gibt mittlerweile auch schon Sojaprodukte mit österreichischer Herkunft“, so Frau Nestler.

Alternativ zu Sojamilch kann man beispielsweise auch auf Haferdrinks zurückgreifen, die eher regional hergestellt werden. Bei pflanzlichen Milchalternativen sollte man aber generell darauf achten, möglichst ungezuckerte Varianten zu kaufen. „Es gibt auch einige Pflanzendrinks, die mit Vitamin D oder Vitamin B12 angereichert sind – also kritischen Nährstoffen bei veganer und vegetarischer Ernährung“, so Frau Hofmann. Auch hier raten die Diätologinnen also, genau auf die Packung zu schauen.

Tipp: Achten Sie auf die Zutatenliste

Wichtig ist auch zu wissen, dass nicht jedes Produkt, das die Aufschrift „vegetarisch“ oder „vegan“ trägt, automatisch gesünder ist. „Es verstecken sich auch in veganen Produkten oft viele gesättigte Fettsäuren, die das Entzündungsgeschehen eher vorantreiben“, so Frau Hofmann.

„Wichtig ist, die Zutatenliste genau durchzulesen. Je weiter vorne in der Zutatenliste eine Zutat steht, desto mehr ist davon enthalten. Wenn relativ weit vorne Palmkernfett, Palmkernöl oder Kokosöl angeführt ist, ist das ein Indiz, dass gesättigte Fettsäuren enthalten sind“, meint Frau Nestler. Das sei beispielsweise besonders oft bei pflanzlichen Fertiggerichten der Fall – zum Beispiel auch bei vegetarischen Wurstalternativen. Hier kann man auch auf die Länge der Zutatenliste achten: „Je länger sie ist, desto eher würde ich das Produkt im Regal stehen lassen“, so Frau Nestler.

Schritt für Schritt

Falls Sie Ihre Ernährung gerne auf eine vegetarische oder vegane Ernährungsweise umstellen möchten, empfiehlt Frau Nestler: Ändern Sie nicht plötzlich den gesamten Speiseplan, sondern gehen Sie dabei Schritt für Schritt vor. „Alles, was von heute auf morgen umgestellt wird, ist nicht nur mental, sondern natürlich auch für den Körper eine Herausforderung. Eine Ernährungsweise sollte immer langfristig umsetzbar sein und dafür lohnt es sich durchaus, sich Zeit zu nehmen“, weiß Frau Nestler. Sie rät für die Umstellung: Bauen Sie anfangs einen vegetarischen oder veganen Tag in der Woche ein und steigern Sie diese Tage langsam über mehrere Wochen.

Fazit:
Wichtig ist also gerade bei der MS: Wenn man sich vegetarisch und vegan ernähren möchte, dann mit Plan – um dem Körper alle Nährstoffe zu geben, die er braucht. Doch auf welche Vitamine und Mineralstoffe kommt es dabei besonders an? Und in welchen Lebensmitteln stecken sie drin? Das beantworten die Diätologinnen im nächsten Artikel – also bleiben Sie dran!

M-AT-00001913 | Titelbild: © gpointstudio/Adobe Stock | Portrait Interviewpartnerinnen: © Gerald Kührer von Capture.Aldo

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