Von Feind zu Freund – Schirins Weg mit der MS (Teil 1): Die Diagnose

von | 18. Oktober 2021 | Alltag & Beruf

Arbeit und MS

Die Diagnose MS traf Schirin G. mit 21 Jahren ganz unerwartet. Von einem Tag auf den anderen geriet ihr altes Leben aus den Fugen und musste neu sortiert werden. Anfangs fiel ihr die Annahme der MS sehr schwer. Doch mit der Zeit gelang es ihr, die neue Situation als Chance zu sehen und einen positiven Umgang mit der MS zu finden. Im Interview erzählt sie uns von ihrem Weg dorthin.

Schirin G. kämpfte anfangs erstmal gegen ihre Diagnose an. Sie war damals stark übergewichtig und wollte anfangs ihr Leben – etwa mit viel rauchen und feiern – so weiterführen wie zuvor. Als sich ihr gesundheitlicher Zustand jedoch drastisch verschlechterte, stellte sie ihr ganzes Leben auf den Kopf: Sie arbeitete nicht nur an einem gesünderen Lebensstil, sondern auch an ihrem Mindset. Heute ist Schirin 27 und es geht ihr gesundheitlich deutlich besser. Sie schafft es nun auch, die MS nicht mehr als Feind zu sehen, sondern kann sie sogar als eine Art Freundin annehmen. Wie Schirin die Zeit ihrer Diagnose erlebt hat, erzählt sie uns hier.

Was für Beschwerden hattest du, bevor die Diagnose gestellt wurde?

Vor der Diagnose hatte ich bereits zwei Monate lang Lähmungserscheinungen im rechten Bein. Mein Arbeitgeber erlaubte mir aber nicht, während der Arbeitszeit zum Arzt zu gehen und der Neurologe hatte sonst nur in akuten Fällen Zeit. So zögerte sich die Untersuchung so lange heraus, bis es tatsächlich akut wurde und ich mein Bein nicht mehr bewegen konnte. Dann wurde die Diagnose zum Glück schnell gestellt. Ich kam sofort in die Klinik und begann mit der Therapie.

Wie hast du die Diagnose erlebt?

Ich hätte mir mehr Unterstützung beim Umgang mit der MS gewünscht. Die Diagnose wird gestellt, man bekommt eine Therapie an die Hand und wird nach Hause geschickt. Ich bin aber kaum über die Krankheit aufgeklärt worden und mir wurde auch keinerlei psychologische Hilfe angeboten.

Als ich MS gehört habe, hatte ich als erstes das Bild eines Rollstuhls im Kopf und keiner hat mir erklärt, dass es nicht so kommen muss. So war ich erstmal komplett aufgelöst. Ich hätte mir damals gewünscht, dass mir jemand vermittelt: Es ist ganz normal und in Ordnung, wenn es dir nach der Diagnose vielleicht mal für eine gewisse Zeit nicht so gut geht – denn sie ist ja ein Schicksalsschlag. Ich konnte mir anfangs nicht vorstellen, dass man auch mit der MS so selbstbestimmt leben kann, wie ich es heute tue.

Es wäre also wirklich wichtig, dass man Anlaufstellen an die Hand bekommt, wo man sich Unterstützung holen und über seine Sorgen bezüglich der MS sprechen kann. Mir hat zum Beispiel die MS-Gesellschaft hierbei sehr geholfen.

Wurdest du später noch von ärztlicher Seite besser über die MS informiert?

Nach der Diagnose habe ich bei meinem Hausarzt Rat gesucht. Er hat sich zum Glück sehr für mich eingesetzt und mir alles Wichtige zur MS erklärt. Zu verstehen, was in meinem Körper passiert, hat mir sehr geholfen, um auch emotional besser mit der MS zurechtzukommen.

Mein Hausarzt hat mir auch gleich geraten, eine Physiotherapie zu beginnen. Außerdem meinte er, es könnte mir helfen, mich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Ein wichtiger Tipp war auch, nicht willkürlich zu googlen. Denn so stößt man schnell auf unseriöse Seiten, die die Angst nur weiter schüren. Stattdessen sollte man bei der Informationssuche auf verlässliche Quellen setzen. Zum Glück war mein Hausarzt für mich bei Fragen sehr gut erreichbar – sogar außerhalb der Ordinationszeiten. Mit diesem Engagement hat er mich sehr unterstützt.

Wie ist die Zeit kurz nach der Diagnose für dich weitergegangen?

Nach der Diagnose kamen noch weitere belastende Situationen hinzu: Mein Arbeitgeber war überzeugt davon, dass junge Menschen nicht an MS erkranken können. Er hat mir also nicht geglaubt und mich mit dieser Begründung entlassen. Zusätzlich ist auch meine Partnerschaft in die Brüche gegangen, da mein damaliger Partner nicht mit der Diagnose zurechtkam. Heute bin ich froh darüber, da ich sonst vermutlich nie mit meinem heutigen Partner zusammengekommen wäre, der mich unglaublich unterstützt.

Aber damals war das alles sehr belastend und so bin ich nach der Diagnose leider erstmal in eine Depression gefallen. Der zusätzliche mentale Stress hat noch weitere Schübe ausgelöst. So war in kurzen Zeitabständen immer wieder eine akute Schubtherapie notwendig. Also die Situation war am Anfang wirklich schwierig.

Was hat dich damals besonders belastet?

Vor allem die Unvorhersehbarkeit der Erkrankung und das Gefühl, meinem Körper nicht mehr wirklich vertrauen zu können. Zur Zeit meiner Diagnose war mein Zimmer im dritten Stock unseres Hauses. Ich bin dann eines Tages die Treppen runtergefallen, weil mein Fuß nachgegeben hat und habe mir die Bänder gerissen. Ab da war es für mich eine enorme Überwindung, Treppen runterzugehen. So habe ich den Großteil der Zeit nur in meinem Zimmer verbracht und gehofft, dass ich nicht auf die Toilette muss, weil die einen Stock tiefer war.

Am Anfang der Diagnose habe ich mich also wirklich in ein Schneckenhaus zurückgezogen. Es war sehr schwierig für mich, diese Ängste abzulegen. Aber mit der Zeit habe ich gelernt, meinem Körper wieder mehr zu vertrauen.

Ausblick:
Sind Sie neugierig, was Schirin aus dieser schwierigen Zeit nach der Diagnose herausgeholfen hat? Wie hat sie gelernt, einen positiven Umgang mit der MS zu finden? Das und mehr erfahren Sie in den nächsten Artikeln.

M-AT-00001618 | Titelbild: © fizkes/Adobe Stock

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