Von Feind zu Freund (Teil 2): Schirins Neuanfang dank MS

von | 8. November 2021 | Alltag & Beruf

Arbeit und MS

Als Schirin G. mit 21 die Diagnose MS gestellt bekam, fiel sie erst mal in ein tiefes schwarzes Loch. Mit viel Willenskraft ist es ihr aber gelungen, sich herauszukämpfen und ihr Leben wortwörtlich Schritt für Schritt in eine sonnigere Richtung zu lenken. Doch wie hat sie das geschafft?

Im ersten Teil des Interviews hat uns Schirin bereits erzählt, welche schwierigen Situationen sie nach der MS-Diagnose meistern musste. Heute ist sie 27 und es geht ihr nicht nur gesundheitlich, sondern auch psychisch deutlich besser. Denn sie hat viele Schritte hin zu einem gesünderen Lebensstil gesetzt und nun einen positiven Umgang mit der MS gefunden. Wie ihr diese 180-Grad-Wendung gelungen ist, erzählt sie uns hier.

Was hat dir aus der schwierigen Zeit nach deiner Diagnose herausgeholfen?

Es hat mir viel Kraft gegeben, dass meine ganze Familie sehr für mich da war. Mein Vater erhielt vor einigen Jahren selbst eine lebensverändernde Diagnose: Leukämie. 2008 wurde ihm nur noch eine Lebensdauer von drei Jahren vorhergesagt. Aber er hat nicht aufgegeben und ist heute, entgegen der Erwartungen der Ärzte, stabil. Nachdem ich bereits drei Monate lang in einer Depression gefangen war, sagte er zu mir: „Ok, du hast jetzt die Diagnose MS. Warum, werden wir nie erfahren. Also musst du das jetzt akzeptieren und dein Leben wieder selbst in die Hand nehmen.“

Das hat mich dazu motiviert, nach Wegen zu suchen, wie ich als junger Mensch trotz der MS ein selbstbestimmteres Leben führen kann. Ich war damals arbeitslos und meine Partnerschaft war gerade gescheitert. Also dachte ich mir: Ich habe nichts zu verlieren – Zeit für einen Neuanfang! Ich mache jetzt das, was ich schon immer machen wollte.

Was hat dir den Mut gegeben, diesen Neuanfang zu wagen?

Ehrlich gesagt bekam ich Torschlusspanik: Ich hatte das Gefühl, bisher ein nullachtfünfzehn Leben geführt zu haben. Mit meinem Bürojob und meinem Partner habe ich jeden Tag vor mich hin gelebt, ohne drüber nachzudenken, ob mich dieses Leben glücklich macht.

Die Krankheit hat natürlich viel beeinflusst und einige Dinge haben nicht mehr so funktioniert wie früher. Mit der Zeit konnte ich diese ganz neue Situation aber als große Chance sehen, mein komplettes Leben auf den Kopf zu stellen – das hat mir wahnsinnig gutgetan.

Welche neuen Schritte bist du dann gegangen?

Ich habe mein ganzes Erspartes genommen und eine Make-up Artist Ausbildung abgeschlossen. Das war wirklich eine Herausforderung: Nur wenige wurden aus der großen Zahl an BewerberInnen ausgewählt. Ich war eine davon – trotz der MS. Für die Ausbildung musste ich täglich zehn Stunden auf den Beinen sein und hatte einen langen Anfahrtsweg. Aber trotz meiner Schwäche in den Beinen habe ich diese Herausforderung bewusst angenommen.

Es hat mir sehr geholfen, mir selbst zu beweisen, dass ich so etwas selbst mit der MS schaffen kann. Außerdem habe ich zu der Zeit meinen heutigen Partner kennengelernt, der mich sehr motiviert hat, meinen Lebensstil umzustellen.

Inwiefern hat dich dein neuer Partner dazu motiviert, deinen Lebensstil zu verändern?

Damals ging es mir mit der MS noch sehr schlecht. Ich hatte einen eher ungesunden Lebensstil: Ich habe geraucht, war ein kompletter Sportmuffel und recht übergewichtig. Mein Startgewicht waren 155 kg und zu dieser Zeit habe ich noch 120 kg gewogen. Außerdem dachte ich, dass ich mein Leben als typische 21-Jährige mit viel Party feiern, ausgehen und rauchen weiterführen kann wie zuvor. Die Ärzte haben mir dann gesagt, dass ich im Rollstuhl landen könnte, falls sich nichts ändert. So musste ich einsehen, dass ich mit der MS mehr Rücksicht auf meinen Körper nehmen muss.

Mein neuer Partner ist enorm sportlich und achtet auf eine gesunde Ernährung. So hat er mich dazu animiert, umzudenken und meine Gewohnheiten in eine gesündere Richtung zu lenken. Das alles hat mich dazu gebracht, mein Leben komplett umzukrempeln: Ich habe die Ernährung, mein Bewegungspensum und mein ganzes Mindset verändert. Mit einem gesünderen Speiseplan, gezielten Sporteinheiten und eisernem Willen ist es mir bis heute gelungen, über 80 Kilogramm abzunehmen. Ich glaube, wenn es mir nicht so schlecht gegangen wäre, hätte ich nie geschafft, so viel zu verändern – also im Nachhinein merkt man, dass selbst diese schwierige Zeit etwas Positives bewirkt hat.

Was hast du heute noch für Symptome im Alltag?

Selbst wenn es sich schon gebessert hat, leide ich besonders an schlechten Tagen noch stark an Gleichgewichtsstörungen. Oft gibt auch mein Fuß während dem Gehen nach. Zusätzlich habe ich an gewissen Körperstellen Empfindungsstörungen und manchmal Probleme mit der Feinmotorik. Im Alltag belastet mich auch oft meine durch die MS ausgelöste Blasenschwäche. Zum Glück gibt mir mein Partner aber immer das Gefühl, dass ich mich dafür nicht schämen muss. Insgesamt geht es mir heute jedoch deutlich besser als zu der Zeit kurz nach der Diagnose.

Wie hast du geschafft, mehr Bewegung in dein Leben zu bringen?

Die Veränderung ging Schritt für Schritt voran: Ich habe mit meinem Partner begonnen, spazieren zu gehen. Anfangs habe ich nur 400 Meter geschafft, bevor mein Fuß begonnen hat, nachzuschleifen. Aber mit der Zeit ging es immer besser. Heute schaffe ich Strecken von vier bis fünf Kilometer ohne Sitzpause.

Außerdem habe ich verschiedene Sportarten ausprobiert, um herauszufinden, was mir gefällt. So habe ich Walken und Radfahren für mich entdeckt. Das mache ich heute regelmäßig. Zusätzlich habe ich einen auf den Gesundheitsbereich spezialisierten Personal Trainer. Er hat ein komplettes Training für mich zusammengestellt, das auf meine Krankheit zugeschnitten ist. Dabei steht einerseits Gewichtsreduktion im Vordergrund und andererseits werden auch Muskeln und Ausdauer trainiert. Heute ist Sport ein sehr wichtiger Bestandteil meines Alltags und tut mir wirklich gut.

Fazit:
Schirin hat es also geschafft, trotz oder gerade wegen der MS einen positiven Neustart in ihrem Leben einzuleiten. Wie es ihr gelungen ist, auch innerlich einen Weg zu einem glücklicheren Leben mit der MS zu finden, erzählt sie uns in einem der nächsten Artikel.

M-AT-00001670 | Titelbild: © nataliaderiabina/Adobe Stock

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